RM Rudolf Müller

Effiziente Dämmung von Großanlagen kann Kosten sparen. (Foto: EiiF)

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28. August 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

10 Jahre EiiF-Stiftung: Dynamische Vergangenheit – digitale Zukunft

Als die EiiF (European Industrial Insulation Foundation) am 28. Mai 2009 in der Schweiz nahe dem Genfer See gegründet wurde, ahnte noch keiner, wie groß das Engagement aus der Dämmstoff­industrie werden würde. Begonnen hatte sie mit acht Stiftern – heute hat sie bereits 60 international tätige Dämmstoffhersteller in Europa als Mitglieder.

Von Andreas Gürtler. Gegründet wurde die European Industrial Insulation Foundation mit dem Ziel, nachhaltige Dämmprojekte in der Industrie zu initiieren. Ihr Sitz ist zwar in der Schweiz, zu Hause ist die EiiF jedoch in der ganzen Welt. Ein wichtiger Garant für die erfolgreiche Arbeit der Stiftung ist das Engagement unserer Mitgliedsfirmen. Noch im Gründungsjahr wurden aus anfangs acht Stiftern sehr schnell zwölf, heute zählt die EiiF mehr oder weniger konstant rund 60 europäische Isolierfirmen zu ihren Fördermitgliedern. Darunter sind praktisch alle großen internationalen Dämmstoffhersteller, aber auch Familienunternehmen und sogar Einzelpersonen bzw. Berater.

Nach „nur“ zehn Jahren, die zudem wie im Flug vergangen und sicherlich erst der Anfang sind, möchte ich statt eines sonst üblichen Rückblicks lieber gleich die entscheidende Frage an den Anfang stellen: „Was haben wir bisher mit der EiiF erreicht?“ Das „wir“ spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle, denn ohne unsere engagierten Mitglieder, TIPCHECK engineers und Mitgliedsunternehmen im EiiF-Förderverein gäbe es hier schlicht keine EiiF-Erfolge zu vermelden.

Ein Anfang: 550.000 MWh jährliche Energie- und CO2-Einsparungen in der Industrie

Einer der Gründungsgründe für die EiiF war die Aufgabe, ein unabhängiges Programm ins Leben zu rufen, das Isolierexperten zu zertifizierten Energieauditoren für Dämmsysteme macht. Mehr als 200 Isolierexperten vom Ingenieur bis zum Isoliermeister, aber auch Isolierer mit langjähriger Berufserfahrung hat die EiiF bis heute in 21 sogenannten TIPCHECK Trainings unter anderem in den Laboratorien des FIW München zu zertifizierten TIPCHECK engineers ausgebildet, und das mit einer Erfolgsquote von 90%. TIPCHECK steht für Technical Insulation Performance Check und heißt auf Deutsch so viel wie Leistungsüberprüfung von technischen Dämmsystemen.

Mehr als 300 TIPCHECK-Energieaudits haben die geschulten TIPCHECKer in Industrieanlagen weltweit durchgeführt. Die daraus resultierenden anschließenden Isoliermaßnahmen sorgen heute für jährliche Einsparungen von geschätzt 550.000 MWh und 250.000 t CO2. Die Einsparungen entsprechen dem Energieverbrauch von rund 30.000 Haushalten und den Emissionen von rund 55.000 Autos.

Die Industrie freut sich über die extrem kurzen Amortisationszeiten der Investitionen in Dämmoptimierungen von im Durchschnitt zwei Jahren und Einsparungen durch gesenkte Energie- und CO2-Kosten von geschätzt rund 23,5 Millionen Euro. Kein Wunder, dass bei solch überzeugenden Zahlen drei von vier TIPCHECK-Kunden in die vorgeschlagenen Maßnahmen investieren und ungedämmte Bauteile sowie defekte Dämmungen im Anschluss an ein TIPCHECK-Audit isolieren lassen.

Unsere Mitglieder sind sicher auch über das durch TIPCHECK generierte Auftragsvolumen für energieeffiziente Dämmungen von mehr als 30 Millionen Euro sehr glücklich. Aber sie sehen in der erfolgreichen Anwendung von TIPCHECK vor allem einen Vorteil: die Verbesserung ihrer Kundenbeziehungen durch zufriedenere Anlagenbetreiber.

Speichertanks bieten häufig große Energiewinsparpotenziale. (Foto: EiiF)

EiiF initiiert Förderprogramme für Dämmungen in Europa

Aber nicht nur in der Branche, auch in Brüssel hat sich die EiiF sehr schnell einen Namen als Stiftung gemacht, die positiv über die Chancen von Energieeffizienzmaßnahmen in der Industrie spricht und erfolgreich konkrete Energie- und CO2-Einsparprojekte initiiert. Ein Meilenstein war dabei die von der EiiF in Auftrag gegebene Ecofys-Studie „Klimaschutz mit kurzen Amortisationszeiten“, die 2012 veröffentlicht wurde und ein jährliches Gesamteinsparpotential für die europäische Industrie von 620 PJ (~172.000 GWh) und 49 Mt CO2 ermittelt hat. Das entspricht dem Energieverbrauch von rund 10 Millionen Haushalten und den Emissionen von rund 18 Millionen Autos.

Für die europäische Isolierbranche ist die EiiF in den vergangenen zehn Jahren die Stimme in Brüssel geworden, und unsere Mitglieder informieren sich regelmäßig bei uns über die aktuellen Entwicklungen in der EU. Maßgeblich mitinitiiert hat die EiiF außerdem, dass es heute in Europa Förderprogramme für Dämmungen in Industrieanlagen gibt, am erfolgreichsten in den Niederlanden, wo die Nachfrage nach TIPCHECK-Audits und energieeffizienten Dämmungen seither spürbar gestiegen ist.

In Frankreich überarbeitet die EiiF in Kooperation mit dem größten Energieversorger EDF gerade das 2016 veröffentlichte „Certificat d’économie d‘énergie“ (Staatliche Bescheinigung über Energieeinsparungen). Das deutsche Förderprogramm für energieeffiziente Dämmungen der BAFA geht auf einen TIPCHECK-Artikel eines unserer TIPCHECK engineers zurück und löste ein Treffen der BAFA-Mitarbeiter mit Kollegen unseres Gründungsmitglieds G+H Isolierungen und der EiiF aus.

Die sehr gute Zusammenarbeit zwischen ­EiiF und den nationalen Isoliererverbänden gilt auch für die Fachabteilung WKSB im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, die zusammen mit den Experten des Technischen Ausschusses das Berechnungsmodell entwickelt hat. Auch davon soll es jetzt eine Überarbeitung und Vereinfachung geben. Der Technische Direktor der EiiF, Luis López Brunner, ist zur nächsten Sitzung in Rüsselsheim eingeladen und wird dort die anderen europäischen Förderprogramme im Detail vorstellen.

Anfangserfolge stehen großem, aber noch ungenutztem Marktpotenzial für Isolierer gegenüber

So weit die zählbaren Erfolge, die stolz machen, aber auch mahnen. Denn nach zehn Jahren sind wir noch lange nicht am Ziel und die Zeit drängt, wollen wir den spürbaren Klimawandel noch aufhalten. Angesichts des von Ecofys (heute Navigant) bereits 2012 ermittelten großen jährlichen Energieeinsparpotenzials effizienter Dämmungen in der Industrie ist das bis heute tatsächlich realisierte Einsparvolumen von 550 GWh (für 30.000 Haushalte) verhältnismäßig überschaubar.

Machen wir in diesem Tempo weiter – und das Wort „Tempo“ suggeriert hier eine Geschwindigkeit, die es so leider noch nicht gibt –, dann dauert es noch mehrere tausend Jahre, bis wir die Isolierungen in den Industrieanlagen Europas auf einen energieeffizienten Stand gebracht haben.

Eine stark vereinfachte Rechnung macht das deutlich:

Von 2010 bis 2016 haben unsere TIPCHECK engineers rund 180 TIPCHECKs durchgeführt. Die anschließend installierten und verbesserten Dämmungen sparen jährlich rund 1,8 PJ ein.

D. h., wenn wir in diesem Schnitt weitermachen, müssen wir 100 TIPCHECKs durchführen, um 1 PJ Energie einzusparen. Bis wir die 620 PJ aufgespürt und die Energieverluste durch Dämmungen beseitigt haben, müssten wir also 62.000 TIPCHECKs durchführen.

Der EiiF ist bewusst, dass das wohl nur der Anfang des TIPCHECK-Programms sein kann. Allerdings zeigen die Zahlen auch deutlich, was für ein gewaltiges Marktpotenzial für unsere Mitglieder im TIPCHECK-Programm steckt. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten und noch viel wichtiger für Klima und Umwelt sollten wir uns alle daran machen, dieses so schnell wie möglich zu heben.

Im Moment sind rund 100 TIPCHECK engineers zertifiziert, wirklich aktiv sind bei Weitem jedoch nicht alle, da in vielen Betrieben gerade die besten Ingenieure knapp sind und andere, ebenfalls technisch anspruchsvolle Aufgaben – zum Teil mit deutlich höherer Priorität – erledigt werden müssen. Daher sind aufseiten der Unternehmen Investitionen in Marketing und Vertriebsmaßnahmen sowie in die Qualifizierung von Mitarbeitern gefordert. Unsere Erfahrung ist, dass insbesondere die Jüngeren mit großem Interesse an das Thema TIPCHECK und Energieaudit herangehen.

Die Zukunft ist digital – auch für die EiiF

Um zukünftig das Aufspüren von Einsparpotenzialen drastisch zu beschleunigen, haben wir mit tatkräftiger Hilfe unserer Vorstände und besten Senior TIPCHECK engineers die digitale TBI-App entwickelt, die nicht nur das bisherige TIPCHECK-Verfahren revolutioniert, sondern es sogar jedermann ermöglicht, sehr einfach und schnell die aktuellen Energieverluste von betriebstechnischen Anlagen abzuschätzen. Zusätzlich wird die EiiF App zeigen, welche Energie- und CO2-Einsparungen durch eine allgemeine Standarddämmlösung bzw. auch eine gute Dämmung erzielt werden könnten.

Die Technik der App basiert auf den ausgewerteten Erfahrungen von mehr als 300 durchgeführten TIPCHECKs, den einschlägigen Standards und einem Abgleich mit bereits existierenden Berechnungsprogrammen für Dämmsysteme. Ab Anfang September ist die digitale App bei Google Play und im Apple Store für jedermann verfügbar.

Zehn Jahre liegen hinter uns. Wir haben einiges bewegt. Aber das Möglichkeitenfeld der Dämmstoffindustrie, Antworten auf die Fragen der Wirtschaftlichkeit, der Digitalisierung, des international präsenten Themas der CO2-Frage und die der Nachhaltigkeitsdiskussion ist durch das Thema Klimaschutz noch größer geworden. Viel Potenzial für die EiiF also, auch in den kommenden Jahren erfolgreiche Lösungen für die drängenden Fragen zu finden.


Autor

Andreas Gürtler: Stiftungsdirektor EiiF, Generalsekretär FESI mit Sitz in Gland bei Genf, Schweiz
andreas.guertler@eiif.org

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