RM Rudolf Müller

Die EU hat ihr Klimaziel bis 2030 angehoben. Ein positives Signal für den Umweltschutz und für die Isolierbranche. (Quellen: Elionas2/anncapictures auf Pixabay

 
Branche + Markt
12. Juli 2021 | Artikel teilen Artikel teilen

„Wir müssen uns dem Klimawandel als derzeit größte Aufgabe stellen“

Die Europäische Union hat ihr Klimaziel angehoben. Demnach sollen die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 % statt zuvor 40 % gegenüber 1990 sinken. Auch die European Industrial ­Insulation Foundation (EiiF) und ihre Mitglieder haben sich im Vorfeld in Brüssel für diese Entscheidung stark gemacht. Im Gespräch mit TI Technische Isolierung erklärt EiiF-Direktor Andreas Gürtler, was das für die Isolierbranche bedeutet und weshalb die Einführung internationaler Standards notwendig ist.

Die EU hat ihr Klimaziel nach oben korrigiert, auf mindestens 55 % bis 2030. Welche Folgen hat das für die Isolierbranche?
Andreas Gürtler: Die Entscheidung ist in erster Linie wichtig für die Zukunft unseres Planeten und der nächsten Generationen. Für die Dämmbranche bedeutet die Entscheidung wiederum eine besondere Chance, aber auch große Verantwortung. Wir haben in unserer EiiF-Studie 2021 ausgerechnet, dass sich jährlich rund 40 Megatonnen CO₂ einsparen ließen, wenn alle Dämmsysteme in der europäischen Industrie nach VDI 4610 Energieklasse C gedämmt wären. Um das zu erreichen, müssen wir unsere Kommunikation noch deutlich verbessern. Wir müssen aus der deutschen VDI-Richtlinie so schnell wie möglich einen EN- oder besser einen ISO-Standard machen und aktiv mit Gebäude- und Anlagenbetreibern in den Dialog treten, der sie auf die Einsparpotenziale aufmerksam macht. Wir haben mit der Industrie wenigstens einen kleinen Vorteil: Das Einsparpotenzial entspricht dem jährlichen Energieverbrauch von rund 10 Mio. Haushalten. Wir müssen aber nicht mit 10 Mio. Hausbesitzern sprechen, sondern lediglich mit mehreren großen Firmen sowie Anlagenbetreibern und -planern. Außerdem kann es uns zunächst gelingen, mit der Konzentration auf einzelne Sektoren – etwa der Chemie – den Stein ins Rollen zu bringen, sodass andere Industriezweige mehr oder weniger von selbst folgen, weil sie die guten Erfahrungen beobachten.

Die von EiiF zertifizierten TIPCHECK-Engineers haben bisher rund 2.500 Energieaudits durchgeführt. In der Mehrheit der Fälle ging es um die Prüfung von Anlagen der technischen Gebäudeausrüstungen (TGA), etwa Klimaanlagen oder Heizungen. Wie lassen sich Gebäudebetreiber und -besitzer von den Vorteilen einer verbesserten Dämmung überzeugen?
Auch hier gilt, dass wir dringend einen europäischen Standard für energieeffiziente Dämmungen brauchen. In den meisten europäischen Ländern gibt es zwar Vorschriften, die Dämmungen im Gebäude vorschreiben, in Deutschland ist das z.B. das Gebäudeenergiegesetz (GEG). Beachtet werden sie speziell im Gebäudebestand aber selten. Mit Energieklassen, die man vom Kühlschrank und der Waschmaschine kennt, wird es viel einfacher sein, Hausbesitzer davon zu überzeugen, dass sie einen einfach abzustellenden Energiefresser im Keller haben – bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Denn wir erleben leider immer wieder, dass ein Gebäude als besonders energieeffizient ausgezeichnet wird. Geht man jedoch in den Keller, zeigt sich, dass im Gegensatz zum Dach und den Außenwänden die Armaturen, Rohrabschnitte und Flansche der Heizanlage möglicherweise gar nicht gedämmt sind. Die Chance, die ich hier sehe: In Europa gibt es zahlreiche kleine Isolierfirmen, die den Kühlraum eines Schnell-Imbisses, die Klima- und Heizanlage eines Hotels oder die Rohrleitungen in einem Krankenhaus dämmen. Diese müssen wir über die nationalen Verbände ansprechen, damit sie in der Breite aktiv werden und ebenfalls Energieaudits anbieten. Für die Firmen und ihre Kunden lohnt es sich. Und für das Klima ebenfalls.

„Als Dämmbranche können wir dabei helfen, klimagerechter zu produzieren, zu heizen und zu kühlen.“
– Andres Gürtler, Foundation Director EiiF

 

Wie kann EiiF den Kleineren und den Großen bei den Herausforderungen helfen?
Wir bieten mit der TBI-App ein mobiles ­Energieaudit-Tool, das jeder nutzen kann, um relativ schnell vorhandenes Dämmpotenzial abzuschätzen. Die App funktioniert in einer Raffinerie genauso gut wie im Heizraum. Unsere professionellen TIPCHECK-Auditoren lernen im Training, wie sie Energieaudits nach EN 16247 durchführen können. Mit dem neuen TIPCHECK Viewer erhalten sie ein digitales Tool, das dem Dämmkunden, egal ob CFO bei einer großen Firma oder Hausbesitzer, anschaulich und interaktiv zeigt, wo thermische Verluste entstehen und sich Handeln lohnt. Entscheidende Hilfe bekommen wir jetzt aber auch von außen.

Das bedeutet?
Die steigenden CO₂-Preise. Seit die EU das Klimaschutzziel auf 55 % erhöht hat, ist der Preis für CO₂-Zertifikate extrem gestiegen. Im Moment liegt er stabil bei über 50 Euro, zehnmal mehr als noch vor ein paar Jahren. Ich habe das mal für einen deutschen Stahlproduzenten ausgerechnet: Statt wie früher 50.000 Euro zahlt er für seine CO₂-Zertifikate heute rund eine halbe Mio. Euro. Sollte sich der Preis, wie vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) vorhergesagt, bis in 20 Jahren auf mehr als 100 Euro erhöhen, wären es mindestens 1 Mio. Euro. Die Investitionen in technische Dämmungen sind schon ohne die hohen CO₂-Kosten mit Amortisationszeiten von im Durchschnitt nur zwei Jahren für vorher ungedämmte Bauteile sehr attraktiv. Mit jeder weiteren CO₂-Preis­steigerung werden sie notwendig. Diese Bewegung im Markt können wir spüren, denn die Nachfrage nach TIPCHECK-Services steigt. So wurde z.B. unser Vizepräsident und Senior TIPCHECK engineer Michele Mannucci kürzlich von einem Mineralölproduzenten eingeladen, das Dämmpotenzial in einem Workshop zum Thema Energieeffizienz und Emissionsvermeidung vorzustellen. Der Ölkonzern sucht nach Möglichkeiten, Emissionen mit vorhandenen Mitteln schnell zu reduzieren. Anfragen wie diese von vergleichbar hohen Managementebenen großer Konzerne gab es früher nicht.

Jetzt geht‘s aber wieder um die Großen…
Das stimmt, aber ich habe noch ein anderes Beispiel: Ende Juni sind wir bereits zum zweiten Mal bei der NIPRO PharmaPackaging Germany GmbH, ein mittelständisches Unternehmen in Franken, das die kleinen Glasfläschchen für Covid-19-Impfstoff herstellt.
Die Produktion und Verarbeitung von Glas ist sehr energieintensiv. Nach unserem TIPCHECK im September 2020 hat NIPRO bereits mehr als 300.000 Euro in Energieeffizienzmaßnahmen und verbesserte Dämmungen investiert. Jetzt will sie weitere Bereiche untersuchen lassen. Die Initiative gilt dem ehrgeizigen, selbst gesteckten Klimaziel, die CO₂-Emissionen bis 2025 um 30 % zu reduzieren. Sie zielt aber auch darauf ab, die Mehrkosten aufgrund der neuen deutschen CO₂-Steuer so gering wie möglich zu halten und wenn möglich zu reduzieren.

Erst kürzlich hat Deutschland sein Klimaschutzgesetz novelliert. Das Zwischenziel für 2030 wurde von 55 % auf 65 % Treibhausgasminderung gegenüber 1990 erhöht. Bleibt die Frage: Was hilft es der Umwelt, wenn Europa bzw. Deutschland klimaneutral werden, der Rest der Welt allerdings nicht?
Ich bin kein Prophet, aber Optimist. Es gibt Zeichen, dass sich weltweit positive Veränderungen anbahnen, auch dort, wo man sie am wenigsten erwartet hätte. So hat etwa in Holland ein hohes Gericht den Ölkonzern Shell zu mehr Klimaschutz verpflichtet, in den USA haben Klimaaktivisten zwei Sitze im Aufsichtsrat von Exxon Mobile ergattert und Chevron-Investoren unterstützen den Plan für stärkere Emissionsminderungen. In Deutschland hat ja sogar der Bundesgerichtshof die Bundesregierung dazu verpflichtet, sich um den langfristigen Klimaschutz zu kümmern – daraufhin wurde im Mai, wie angesprochen, das bis dahin geltende Ziel von 55 % Emissionseinparungen auf 65 % bis 2030 angehoben. Als Dämmbranche können wir dabei helfen, klimagerechter zu produzieren, zu heizen und zu kühlen. Auch Covid hat u.a. gezeigt, dass „einfach weiter so“ keine Option mehr ist. Wir müssen uns dem Klimawandel als derzeit größte Aufgabe stellen. Ich bin froh, dass wir mit unserer Branche einen Beitrag leisten können. Es geht aber noch mehr. Wir sollten den Mut haben, uns nicht nur als Dämmspezialisten, sondern auch als Klimaschützer zu fühlen und so zu agieren.

Herr Gürtler, Danke für das Gespräch.

 

 

 

 

Im Interview:
Andreas Gürtler, Foundation Director EiiF

 

Infokasten

Die Europäische Kommission hat am Mittwoch, den 14. Juli 2021 ein Paket von Vorschlägen angenommen, um die Politik der EU in den Bereichen Klima, Energie, Landnutzung, Verkehr und Steuern so zu gestalten, dass die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 % gegenüber 1990 sinken. Das sei ein entscheidender Schritt auf dem Weg Europas, bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt zu werden und den europäischen Grünen Deal zu verwirklichen, heißt es von Seiten der Kommission.

Die Vorschläge kombinieren folgende Maßnahmen: Emissionshandel für neue Sektoren und strengere Auflagen im Rahmen des bestehenden Emissionshandelssystems der EU; verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien; mehr Energieeffizienz; schnellere Einführung emissionsarmer Verkehrsträger und der entsprechende Infrastruktur und Kraftstoffe; Angleichung der Steuerpolitik an die Ziele des europäischen Grünen Deals; Maßnahmen zur Prävention der Verlagerung von CO2-Emissionen; Instrumente zur Erhaltung und Vergrößerung unserer natürlichen CO2-Senken.

Ein zentraler Bestandteil von „Fit for 55“ ist die Energieeffizienzrichtlinie. Das damit einhergehende „Energy Efficiency First“-Prinzip gilt als Leitprinzip der EU-Klimapolitik und soll in allen Sektoren und auf allen Ebenen berücksichtigt werden. Es besagt u.a., dass Energieeffizienz-Maßnahmen als erste Option bei Planungs- und Investitionsentscheidungen berücksichtigt werden sollten. Darüber hinaus müssen die Mitgliedsstaaten sicherstellen, dass Unternehmen mit einem Jahresverbrauch von mehr als 100TJ (Terajoule) Energie in den letzten drei Jahren und unter Einbeziehung aller Energieträger ein Energiemanagement-System einführen. Dieses muss von einer unabhängigen Stelle nach den einschlägigen europäischen oder internationalen Normen zertifiziert sein.

Im nächsten Schritt werden sich das Europaparlament und die 27 Mitgliedstaaten den Vorschlägen annehmen. Im September 2021 beginnen die Verhandlungen. Dann müssen die EU-Länder eine gemeinsame Position für jeden Vorschlag finden. Dafür können sie die Pläne der EU-Kommission überarbeiten.

Weiterführende Informationen finden sich auf der Webseite der EU-Kommission.

 

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