RM Rudolf Müller

Austausch in Zeiten von Corona: Udo Dohlen im digitalen Interview mit Maike Walter, Redaktion TI Technische Isolierung. (Quelle: Redaktion TI)

Branche + Markt
22. Juni 2021 | Artikel teilen Artikel teilen

Aufmaß: im Gespräch mit Udo Dohlen

In dieser neuen Rubrik sprechen wir mit Menschen aus der Branche über ihren Werdegang, aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven. Den Auftakt macht Udo Dohlen, der vor 22 Jahren den WKSB-Betrieb seines Vaters übernahm. Seit dem hat der 50-Jährige Dohlen ­Isoliertechnik mit Sitz in Stolberg bei Aachen von einem Ein-Mann-Betrieb zu einem Unternehmen mit mehr als 20 Angestellten entwickelt. Sein Geheimrezept: Kundenkontakte pflegen und Mitarbeiter fördern.

Vita Udo Dohlen

1983 bis 1990: Realschule und
anschließend Fachabitur
1990 bis 1992: Ausbildung zum
WKS-Isolierer, Abschluss Geselle
1998 bis 1999: Meisterschule, Nürnberg-Burgthann
1999: Übernahme des Familienbetriebs Isoliertechnik Dohlen
2019: Ausbildung und Vereidigung zum öffentlich bstellten und vereidigten Sachverständigen der Handwerkskammer Aachen für das Wärme-, Kälte- und Schallschutzisoliererhandwerk

Ehrenamt: Vorstand AJH Aachen, Innungsmitglied, ­Vorstandsarbeit im Bereich der Fachgruppe WKS in Köln
Hobbies: Musik (Acapella, Klavier, Saxophon), Joggen, Fahrrad

 

Herr Dohlen, Ihr Vater war schon Isoliermeister. War für Sie ­immer klar: Das will ich später auch mal werden?
Udo Dohlen: Nein, ich habe erstmal eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann gemacht. Danach, mit Anfang 20, war ich mir aber nicht sicher, wie es weitergehen soll. Deshalb habe ich dann doch die WKS-Ausbildung bei meinem Vater und einem befreundeten Isolierer drangehangen und anschließend den Meister. Zu der Zeit war mein Vater kurz vor der Rente und froh, den Betrieb an mich übergeben zu können. Ehrlicherweise bin ich mit einer gewissen Blauäugigkeit an die Betriebsübernahme rangegangen – ohne genau zu wissen, was da wirklich auf mich zukommt.

Wie ging es weiter?
Ich habe nach der Übernahme die Bestandskunden weiter betreut. Allerdings wurde mir schnell klar, dass es einen unternehmerischen Richtungswechsel braucht. Mein Vater war rund 30 Jahre eigenständig im Bereich Haustechnik unterwegs. Damals konnte man als Ein-Mann-Isolierer mit Einfamilienhäusern noch gutes Geld verdienen. Aber diese Zeiten waren langsam vorbei. Ich habe mich deshalb auf Blechbearbeitung – auch im industriellen Umfeld – spezialisiert und eine eigene Werkstatt eingerichtet. Meine kaufmännische Ausbildung kam mir hier zugute. Zudem habe ich Spaß am Umgang mit Kunden und der Entwicklung von Marketingmaßnahmen. Alles in allem hatte ich Glück und mein Gesamtkonzept ist aufgegangen. In den letzten 20 Jahren ist der Betrieb sukzessive gewachsen. Heute beschäftige ich 16 Monteure, sechs Azubis, drei Meister bzw. Projektleiter und habe noch zwei Festangestellte im kaufmännischen Bereich. Auftragsspitzen werden durch qualifizierte Partnerunternehmen ausgeführt.

 

„In 75 % der Fälle geht es um technische Isolierung, in den anderen 25 % um Brandschutz. Unser Schwerpunkt liegt auf der Haustechnik im Gewerbe und der Industrie.“

 

Um Nachwuchs zu werben, nimmt Udo Dohlen regelmäßig an Berufsorientierungstagen in den umliegenden Real- und Gesamtschulen teil. (Quelle: Dohlen Isoliertechnik)

Ihr Vater hat noch Isolierarbeiten in Einfamilienhäusern durch­geführt. Welche Aufträge findet man heute in Ihren Büchern?
Derzeit sind etwa 100 Aufträge in Planung oder Bearbeitung. Da ist alles dabei, von der Tagesreparatur nach einem Rohrbruch bis zum Großauftrag. Das Auftragsvolumen liegt zwischen 500 und 400.000 Euro. Wir hatten aber auch schon Projekte, die sich auf ca. 700.000 Euro beliefen. Durch die hohe Splittung habe ich eine gewisse Sicherheit, dass sich Verluste ausgleichen lassen, wenn mal was wegbricht. Das Gesamtvolumen der Aufträge beläuft sich aktuell auf ca. 1 Mio. Euro, auf das gesamte Jahr gesehen sind es um die 3 Mio. Euro.

Sind Sie auf bestimmte Aufträge spezialisiert?
In 75 % der Fälle geht es um technische Isolierung, in den anderen 25 % um Brandschutz. Unser Schwerpunkt liegt auf der Haustechnik im Gewerbe und der Industrie. Unsere Auftraggeber sind Anlagenbauer und SHK-Betriebe sowie Industriekunden, Kommunen und Hochschulen, mit denen langährige Rahmenverträge vorliegen.

Wer zählt zu Ihren großen Rahmenvertrags-Kunden?
Hier sind wir im Lebensmittelbereich sehr stark. Wir machen z.B. viel in Werken von Produzenten wie Zentis, Lindt, Maoam oder Haribo in und um Aachen. Teilweise sind wir jeden Tag mit ein bis zwei Mann vor Ort und arbeiten an manchen Standorten auch in eigenen Werkstätten. Wir haben uns übrigens vor drei Jahren über das Arbeitsschutzmanagementsystem (AMS BAU) der BG BAU zertifizieren lassen. Kein Auftrag ist so wichtig, dass man ihn ausführen sollte, wenn man dafür Leib und Leben riskiert. Die Gesundheit ist das höchste Gut. Bei der Zertifizierung geht es um die Optimierung der Arbeitsabläufe, um eine hohe Sicherheit und den Schutz der Mitarbeiter. Neben der Prävention geht es aber auch darum, bestimmte Rahmenbedingungen einzuhalten. Das fängt schon beim gut sortierten und sauberen Transporter an. Ich bin sicher: Die Zertifizierung ist ein notwendiger Türöffner für das Arbeiten in der Industrie.

Von kleiner Reparatur bis zum Großprojekt: Udo Dohlen und sein Team bearbeiten (fast) jeden Auftrag. (Quelle: Dohlen Isoliertechnik)

Welchen Stellenwert hat für Sie der Kontakt zum Kunden?
Einen sehr, sehr hohen. Rund 90 Prozent unserer Auftraggeber sind Stammkunden jeglicher Größe. Mein Ziel ist es, langfristige Kundenbeziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Dazu gehört, auch mal Zugeständnisse zu machen und nicht immer auf seinem Recht zu beharren. Schließlich ist alles ein Geben und Nehmen. Was hinzu kommt, ist, dass ich nur Aufträge annehme, die wir zum einen von der Betriebsgröße her stemmen können, die uns zum anderen aber auch nicht zu stark über einen langen Zeitraum in einem Projekt binden. Denn dann könnte ich meine Stammkunden nicht mehr bedienen, wenn sie mit kurzfristigen Anfragen auf mich zukommen.

Einen Teil Ihrer Aufträge generieren Sie durch die Zusammenarbeit mit Anlagenbauern und SHK-Kunden. Läuft das immer reibungslos?
Mit vielen Auftraggebern habe ich mittlerweile eine langjährige Geschäftsbeziehung. Im Großen und Ganzen klappt die Zusammenarbeit gut. Das Problem ist eher, dass die Isolierer durch das Nachunternehmerverhältnis im Rahmen des Bauplanungs-Prozesses gerne mal vergessen werden. Bei der wöchentlichen Sitzung auf Baustellen – wo das TGA-Planungsbüro, die Bauherren und die Gewerke, die gerade im Bauprozess wichtig sind, zusammensitzen – sind wir nicht anwesend. Die SHK Betriebe geben zwar Informationen weiter, können uns aber nicht zu 100 % die Infos geben, die wir brauchen. Im Ergebnis können wir unsere Expertise in Hinsicht auf Brandschutz, Mindestabstände für Isolierungen usw. nicht einbringen. Ein wichtiger Dialog geht somit verloren. Die Lösung kann nur sein: sich selber einbringen und die wichtigen Angaben aktiv einfordern.

Läuft das anders, wenn Sie bei größeren Projekten direkt beauftragt werden?
In der Regel schon. Ich will ein Beispiel nennen: Bei einem Projekt von Lindt wurden wir als direkter Partner sauber aufgeführt. Da war der Rohrleitungsbau mit Kalenderwochen und Planungsmustern hinterlegt. Im Anschluss waren wir mit der Rohrisolierung dran. Das war eine sehr professionelle Abwicklung und hat richtig Spaß gemacht.

 

„Wir bei Dohlen Isoliertechnik ­versuchen, überproportional ­auszubilden. Wir haben derzeit sechs Azubis.“

 

Für Udo Dohlen ist der Auftritt nach außen wichtig… Dazu gehört auch der geputzte Firmenwagen. (Quelle: Dohlen Isoliertechnik)

Ist die Tatsache, dass die Isolierer im Planungs-Prozess teilweise nicht richtig berücksichtigt werden, für Sie die größte Herausforderung im Arbeitsalltag?
Was das tägliche Geschäft betrifft, zählt das auf jeden Fall dazu. Wir diskutieren im Team immer wieder, wie sich das verbessern lässt. Was die gesamte Branche angeht, ist das aus meiner Sicht aber der Fachkräftemangel. Leider muss man sagen: Das Problem ist hausgemacht. Viele Betriebe haben über Jahre nicht ausgebildet. Man hat nicht nach vorne gedacht, sondern nur an die Gewinnmaximierung – und eher auf Leiharbeiter zurückgegriffen. Auf manchen Großbaustellen ist heute halb Europa vertreten, was entsprechend zu Kommunikationsschwierigkeiten führt. Wir bei Dohlen Isoliertechnik versuchen, überproportional auszubilden. Wir haben derzeit sechs Azubis. Grundsätzlich ist der fehlende Nachwuchs im Handwerk aber ein gesamtgesellschaftliches Problem, da stinkt der Fisch vom Kopf.

Sechs Azubis sind relativ viele. Wie schaffen Sie das?
Das geht nur, wenn man selber aktiv ist. Von sich aus kommt niemand zu mir und möchte eine Lehre machen. Bei der Azubisuche hilft mir ein über Jahre gewachsenes Netzwerk, das ich zur Agentur für Arbeit aufgebaut habe. Hier gibt es für jeden Betrieb eine Kontaktperson sowie Arbeitsvermittler. Und die müssen wissen, dass es nicht nur Schreiner oder Kfz-Mechaniker, sondern auch uns gibt. Ich habe die zuständigen Ansprechpartner vor einigen Jahren mal in meinen Betrieb eingeladen. Die Reaktionen waren sehr positiv. Alle waren begeistert, was wir hier leisten, auch vor dem Hintergrund der Energieeffizienz. Andererseits nehme ich an Berufsvorstellungen in den Real- und Gesamtschulen rund um Aachen teil. Da sitzen dann die 8. oder 9. Klassen mit ihren Eltern. Das ist tatsächlich das, was am besten fruchtet, weil ich dadurch häufig Praktikanten generiere. Und nur durch ein Praktikum kann man – auf beiden Seiten – feststellen, ob das der richtige Beruf für jemanden ist und ob die Person in unser Team passt.

Neben der Ausbildung spielt die Weiterbildung der Fachkräfte bei Dohlen Isoliertechnik eine wichtige Rolle. (Quelle: Dohlen Isoliertechnik)

Entscheiden sich die meisten Ihrer Praktikanten, die für den Job geeignet wären, letztendlich auch für eine Ausbildung?
Viele, aber nicht alle. Wie die Entscheidung ausfällt, liegt aber nicht nur an uns, sondern hängt auch mit den allgemeinen Bedingungen zusammen. Wenn ich hier einen jungen Mann sitzen habe, der ein super Praktikum absolviert hat, dem muss ich sagen: Klasse, aber deine Berufsschule ist leider in Oberhausen.
Je nach Wohnort muss er also morgens um 5 Uhr den Zug nehmen. Das überbetriebliche Ausbildungszentrum ist wiederum in Krefeld. Hier leben unsere Azubis unter der Woche im Internat und sind längere Zeit nicht zu Hause. Deswegen sehe ich jedes Jahr zu, dass ich zwei Azubis bekomme. So können sie sich auch gegenseitig motivieren und unterstützen. Übrigens überlege ich gerade, als zusätzlichen Anreiz kleine Dienstwagen für meine Azubis anzuschaffen. Da soll dann sowas wie „Dohlen Isoliertechnik Azubimobil“ draufstehen. Damit können die Jungs zur Berufsschule oder ins Ausbildungszentrum fahren.

Personalentwicklung scheint Ihnen sehr wichtig zu sein?
Ja, absolut. Das ist ganz wichtig, wenn man Fachkräfte ausbilden und sichern will. Unsere Mitarbeiter werden über die Ausbildung hinaus regelmäßig geschult, etwa im Bereich Brandschutz oder für die Produktanwendung. Das steht bei unserer Arbeit stark im Fokus.

 

„Beim Thema BIM ist noch viel Luft nach oben, aber irgendwann wird das auch für unser Gewerk Realität.“

 

Die Digitalisierung spielt im Bausektor eine immer größere ­Rolle. Wie digital ist Dohlen Isoliertechnik?
Wir sind auf dem Weg zum papierlosen Büro. Im nächsten Jahr werden alle Mitarbeiter mit Tablets augestattet, damit sie Aufmaße digital ein- und übertragen, den Auftragsstatus dokumentieren oder die Arbeitsstunden erfassen können. Ich sehe also auch den Monteur deutlich digitaler werden – sofern uns das zum Teil ja noch sehr instabile deutsche Mobilfunknetz nicht in die Quere kommt. Doch nicht nur unser Büro, auch unsere Werkstatt wird digitaler. Ende 2020 haben wir unsere Hallen erweitert und z.B. Platz für eine neue CNC-Maschine geschaffen. Die Zukunft kann also kommen.

Welche Chancen bieten digitale Lösungen für das Gewerk?
Sie können den Arbeitsalltag erleichtern. Ich denke z.B. an Drohnen, die man für Aufmaße in Anlagen einsetzt. Auch die Entwicklung des Building Information Modeling (BIM) ist interessant. Das könnte bedeuten, dass ich gar keine Aufmaße mehr machen muss, sondern das BIM-System per Knopfdruck alles automatisch ausspielt. Das wäre eine Arbeitserleichterung und somit eine Kostenersparnis. Hier ist noch viel Luft nach oben, aber irgendwann wird das auch für unser Gewerk Realität. Auf diese Entwicklung bin ich gespannt. Und solche digitalen Lösungen können letztendlich auch dazu beitragen, dass die Isolierer bei großen Bauprojekten eben nicht mehr außen vorgelassen werden, sondern fester Bestandteil der Planung sind.

Wenn Sie auf die letzten Jahre zurückblicken: Welcher Auftrag ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Jeder Auftrag ist auf seine Art besonders. Es gibt allerdings eine schöne Anekdote von einem Auftrag am Aachener Dom: Hier ging es um eine Isolierung der Regenentwässerung bei der Sanierung eines Oktagons. Im Gespräch mit dem Dombaumeister habe ich gesagt, dass wir den Arbeitsplatz natürlich sauber hinterlassen und gerne auch die Steine, die zu der Zeit dort herumlagen, wegräumen können. Der hat mich nur mit großen Augen angeguckt – denn das waren Jahrhunderte alte Materialien und kein Bauschutt. Auch sowas kann einem im Isolierer-Alltag passieren.
Herr Dohlen, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Maike Walter.

 

Der Beitrag ist auch in Ausgabe 2.2021 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Juni) erschienen.

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