RM Rudolf Müller

In seinen Vorträgen gibt der Speaker und Buchautor Jörg Mosler u.a. Strategien und Tipps an die Hand, wie man potenzielle Azubis erreichen kann. (Quelle: Guido Rehme)

Betrieb + Ausbildung
14. Juli 2021 | Artikel teilen Artikel teilen

„Aufmerksamkeit zu erzeugen ist keine Raketentechnik“

Die Suche nach Auszubildenden gestaltet sich für viele Betriebe schwierig, auch in der Isolierbranche. Wer passenden Nachwuchs finden will, sollte die Azubisuche daher ganzjährig auf dem Schirm haben, sagt Jörg Mosler, Experte für Mitarbeitergewinnung im Handwerk und Mittelstand. Im TI-Interview erklärt er, was das in der Praxis bedeutet, wie man nachhaltig auf sich aufmerksam macht und weshalb Last-Minute-Aktionen zwar eine Möglichkeit, aber keine langfristige Alternative sind.

Herr Mösler, was den Azubimangel betrifft, heißt es oft, dass es zwar immer noch viele Ausbildungssuchende gibt, sie aber nicht die richtige Ausbildung für sich finden. Sehen Sie das auch so?
Jörg Mosler: Ja, durchaus. Daher sollte sich jeder Betrieb dauerhaft mit dem Thema beschäftigen, um Nachwuchs zu gewinnen.

Heißt das, ich muss mich täglich um die Suche nach Auszubildenden kümmern?
Nein, das würde in der Praxis auch gar nicht funktionieren. Aber es ist durchaus so, dass man das Thema permanent auf dem Schirm haben sollte und nicht erst zum neuen Ausbildungsjahr. Die beste Strategie ist, einmalig Arbeit und Budget in die Mitarbeitergewinnung zu stecken, um eine Art Kreislauf in Gang zu setzen. Sobald sich dieses Rad dann einmal dreht, muss ich nur noch an winzigen Stellschrauben drehen, um es am Laufen zu halten.

Azubigewinnung hängt laut Jörg Mosler an fünf Punkten. Das Ziel: einen dauerhaften Kreislauf erzeugen. (Quelle: Jörg Mosler)

Wie sieht dieser Kreislauf aus und wodurch kann ich ihn in Gang setzen?
Dazu gehören fünf Schritte (siehe Abb. rechts): Zuerst muss ich mir über meine Einstellung als Unternehmerin oder Unternehmer klar werden. Dabei geht es um Grundprinzipien wie Arbeit, Geld oder Menschen – in dem Falle junge Menschen. Ein Beispiel: Bin ich der Meinung, dass Jugendliche faul und unwillig sind zu arbeiten, ist das toxisch für die Azubigewinnung. Denn das trage ich unbewusst nach außen. Im Ergebnis schrecke ich auch die fleißigen, motivierten Azubis ab. Denn die gibt es selbstverständlich. Gehen wir aber mal davon aus, meine Einstellung gegenüber Azubis ist wohlwollend, ich biete ein faires Gehalt und ein gutes Arbeitsumfeld. Dann ist das natürlich toll, bis dahin aber nur eine Trockenübung, wie theoretischer Schwimmunterricht. Ich muss jetzt auch ins Wasser springen. Damit sind wir beim zweiten Schritt: Aufmerksamkeit erzeugen. Das ist keine Raketentechnik, selbst als kleiner Betrieb. Ziel ist, sichtbar zu werden. Das schaffe ich z.B. durch eine Azubiseite auf meiner Homepage. Am Ende verliert man übrigens potenzielle Auszubildende nicht gegen Mitbewerber, weil diese besser, sondern weil sie sichtbarer sind.

Wie schaffe ich es, dass ich nicht nur sichtbar bin, sondern letztendlich auch ein Vertrag unterschrieben wird?
Das beschreiben die folgenden Schritte. Schritt Nummer drei heißt: Interesse wecken Bleiben wir beim Beispiel Azubiseite auf der Homepage. Hier muss ich kommunizieren, was ich als Arbeitgeber biete. Im besten Fall folgt Schritt vier: Kontakt herbeiführen. Und die Quote derjenigen, die mich wahrnehmen und auch kontaktieren, sollte natürlich möglichst hoch sein. Ist dem so, ernte ich hier die Früchte des Investments, das ich in Schritt zwei gesteckt habe, also z.B. in eine gute Bewerberseite oder die zielgruppengerechte Kommunikation über andere Kanäle.

Wie sieht der fünfte Schritt aus?
Der fünfte Schritt lautet: Menschen begeistern. Damit meine ich nicht nur potenzielle Azubis, sondern auch meine Beschäftigten oder Kunden. Konkret kann das so aussehen, dass meine Angestellten als Testimonial fungieren und in der Öffentlichkeit berichten, weshalb sie gerne für mich arbeiten. Es gibt hier zahlreiche kreative Möglichkeiten. Ich kenne etwa eine Unternehmerin, die ihren Dachdecker-Azubis einen smart zur Verfügung stellt. Voraussetzung: Auf dem Fahrzeug ist ein Portraitfoto des Azubis abgebildet inklusive Statement. Das ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es zeigt, was Menschen begeistern bedeuten kann. Letztendlich
geht es darum, dass andere positiv über mein Unternehmen reden und diese Begeisterung auch weitertragen.

Angenommen, ich bin alle fünf Schritte gegangen. Wie entsteht der Kreislauf?
Der erste Schritt, also die Einstellung der Unternehmerin oder des Unternehmers, hat großen Einfluss auf den fünften Schritt, also die Fähigkeit Menschen zu begeistern. Schaffe ich es mit meiner Einstellung bzw. Unternehmensführung nicht, Menschen zu begeistern, werde ich keinen dauerhaften Kreislauf herbeiführen können. Denn dann erzeuge ich langfristig keine Aufmerksamkeit bei potenziellen Azubis, wecke also auch kein Interesse und führe keinen Kontakt herbei. Kurz gesagt: Das Rad dreht sich nicht mehr, sondern kommt zum Stillstand.

Einen solchen Kreislauf zu etablieren ist ein langfristiges Projekt. Das neue Ausbildungsjahr steht aber vor der Tür. Haben Sie dafür noch Last-Minute-Tipps?
Was die Mitarbeitergewinnung betrifft, ist Last Minute ein sehr schlechter Ratgeber. Aber angenommen, es geht nicht anders und ich fange erst jetzt damit an. Dann würde ich empfehlen, sich ein Handy zu schnappen und drei Azubis per Video zu interviewen, was ihnen an der Ausbildung Spaß macht. Es muss nicht hochwertig produziert sein, aber authentisch wirken. Die Videos lade ich dann auf meinen Social-Media-Kanälen hoch, damit meine Angestellten sie teilen können. Darüber hinaus kann ich die Clips in regionale Jobgruppen posten. Wenn mir die organische Reichweite nicht genügt, kann ich zusätzlich bezahlte Werbung über Social-Media-Kanäle schalten. Wichtig ist bei allen Online-Aktivitäten, dass sie auf eine Seite leiten, auf der sich Interessenten weiterführend informieren können.

Und was kann ich „offline“ machen?
Auch hier gibt es natürlich Möglichkeiten. Ich kann z.B. ein paar Azubis zu den Schulen im Umkreis schicken – vorausgesetzt, Präsenzunterricht ist wieder möglich. Die Azubis könnten hier Postkarten verteilen, auf denen so etwas steht wie: „Und, war Schule wieder langweilig?“ Auf der Rückseite ist ein QR-Code abgedruckt, der zu besagten Azubivideos führt. Sowas kann man auch in kurzer Zeit auf die Beine stellen.

Viele Betriebe berichten, dass sie die meisten Azubis durch Mund-zu-Mund-Propaganda gewinnen. Wie kann man diesen Hebel noch effektiver nutzen?
Hier sind wir wieder bei Schritt fünf des bereits beschriebenen Kreislaufes: Menschen begeistern. Wenn meine Mitarbeiter für mich werben, hilft das enorm. Die Voraussetzung ist natürlich, dass sie wissen, welche Stellen zu besetzen sind. Vor allem in größeren Unternehmen ist das aber oft gar nicht der Fall. Ein Trick ist der so genannte Sanifair-Effekt: Informationen zu vakanten Stellen kann ich mittels DIN-A4 Blatt an den Türen der Sanitärräume aufhängen. Dadurch stelle ich sicher, dass das wirklich jeder im Unternehmen mitbekommt.

Angenommen, ich möchte die Vorteile einer Ausbildung in meinem Betrieb kommunizieren. Was ist jungen Menschen bei der Suche besonders wichtig?
Umfragen zeigen, dass emotionale Aspekte wie Spaß bei der Arbeit oder nette Kollegen die wichtigsten Entscheidungskriterien sind. Insbesondere in jungen Jahren ist der Wunsch nach Zugehörigkeit groß. Biete ich das, sollte ich es auch herausstellen. Was für junge Menschen darüber hinaus fast genauso wichtig ist, ist das Gefühl, dass die eigene Arbeit wertvoll ist, auch wenn man im ersten Lehrjahr ist. Als Arbeitgeber sollte ich daher immer das Gefühl vermitteln, dass selbst ein kleiner Beitrag etwas für das große Ganze tut. Auch das sollte ich im Rahmen meiner Kommunikation hervorheben. Selbstverständlich kann man auch mit dem Thema Gehalt punkten. Gerade dann, wenn man über Durchschnitt bezahlt. Doch ich würde nicht empfehlen, den Fokus ausschließlich auf das Thema Geld zu richten. Denn wer nur für Geld kommt, geht auch für Geld. Das muss einem klar sein.

Im Interview: Jörg Mosler

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T|I Technische Isolierung

Der Beitrag ist auch in Ausgabe 2.2021 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Juni) erschienen.

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