RM Rudolf Müller

Betrieb + Ausbildung
04. Dezember 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Ausbildungszentrum der Bauindustrie in Hamm/Westfalen: Im Interview mit Gerhard Geske und Thomas Supe

Ausbildungszentrum der Bauindustrie in Hamm/Westfalen

Leiter Dipl.-Ing Gerhard Geske und Ausbilder Isoliermeister Thomas Supe vor den Plänen des nächsten Neubaus (Bild: N. Fleischmann)

Das Ausbildungszentrum der Bauindustrie Hamm (ABZ) leitet Dipl.-Ing. Gerhart Geske seit 29 Jahren. Dabei baute der ausgebildete Bauingenieur das 43.000 m² große Gelände ständig aus und erweiterte es um Werkstätten oder Ausbildungshallen. Kurz nach dem Bau derselben für die Industrie-Isolierer 1987 begann er seine Arbeit als Ausbildungsleiter und entwickelte mit Isoliermeister Thomas Supe die notwendigen Ausbildungseinheiten. TI sprach mit beiden über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Isolier-Gewerkes.

TI: Das ABZ Hamm wurde 1938 als Lehrbaustelle Westfalen gegründet. Seitdem Sie hier begonnen haben, hat sich einiges verändert. Was genau?

G. Geske: Wir haben hier seit 1970 das Gästehaus mit derzeit 147 Betten, davor hatten wir Großschlafsäle für die Auszubildenden. Im Untergeschoss findet mit Hilfe von Herrn Supe und seinem Kollegen in drei Werkstätten die Ausbildung der Industrie-Isolierer statt. Aber wir haben hier auch Maurer, Holzbau, Trockenbau, Tiefbau…

Th. Supe: Ja. Wir haben in den 90ern angefangen. Damals hatten wir so circa 100 Auszubildende bei den Industrie-Isolierern. Das ist ein wenig abgeebbt in den letzten Jahren. Jetzt haben wir ungefähr 40 Auszubildende pro Jahr.

Ausbildungszentrum der Bauindustrie in Hamm/Westfalen

Industrie-Isolierer bei der Ausbildung in den Werkstätten des ABZ. (Bild: N. Fleischmann)

TI: Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

G. Geske: Unsere Azubistruktur und die ­Anforderungen haben sich verändert. Heute besteht die Gruppe der Azubis zu 30 % aus Deutschen mit muslimischem Hintergrund, Frauen sind selten vertreten. Vereinzelt haben wir auch Flüchtlinge, aber wenige. Die Kultur der Azubis ist bunt geworden. Die Azubis kommen aus allen drei Schulsparten (Haupt-, Realschule und Gymnasium).
Im zunehmenden Maße entwickelte es sich aber so, dass immer mehr auf weiterführende Schulen wollen, viele gehen nach dem Abitur doch lieber zum Studium an die Hochschulen. Obwohl wir hier auch das duale System als Studiengang zum Industrie-Isolierer in Kooperation mit der FH-Münster anbieten. Der enorm hohe Fachkräftemangel, den es überall im Handwerk gibt, macht uns da ganz schön zu schaffen. Wir unterstützen die Betriebe mit Kampagnen wie: „Bau Dein Ding“, gehen auf Veranstaltungen, in Schulen, bieten Praktika an und holen viele schon ab der 7. Klasse ab.

Ausbildungszentrum der Bauindustrie in Hamm/Westfalen

Wenn es die Zeit erlaubt, bauen die Azubis auch mal Ausstellungsobjekte. (Bild: N. Fleischmann)

TI: Wie hat sich die Ausbildung in den letzten Jahren entwickelt?

Th. Supe: Wir arbeiten überwiegend im Werkstattbereich. Daneben gibt es einen Schulungsraum. Dort bekommen die Schüler werkstattbegleitenden Unterricht, das heißt, im ersten Ausbildungsjahr Grundlagen wie beispielsweis Flächenberechnung oder alle Aufrisse vermittelt werden. Dabei versuche ich alle Teile, die sie bauen, vorher im Unterricht einmal zeichnerisch zu konstruieren. Eigentlich hat sich daher nicht viel verändert. Außer, dass es digitaler geworden ist. Die Maschinen allerdings entwickeln sich weiter. Früher wurde alles mit der Hand abgewickelt. Das wird es heute auch, aber die Digitaltechnik hilft schon sehr. Wir binden das Digitale heute gerne mit ein. Aber die Grundlagen müssen die Azubis schon wissen. Das heißt, dass sie ihr Handwerk erst einmal händisch lernen, damit sie verstehen, wie man digitale Hilfsmittel anwendet.

G. Geske: Zum Beispiel vermitteln wir gerne, welche Maße in das digitale Aufmaßgerät eingegeben werden müssen. Das heißt: Die Grundlage der Ausbildung im ersten Lehrjahr ist immer noch: Kopf anstrengen, Hände anstrengen, Aufriß, Abwicklung, Ausschneiden. Und dann, ab dem zweiten Ausbildungsjahr, gibt es den Einstieg in das Digitale.
Die Entwicklung in jeder Branche ist abhängig von der Entwicklung der Maschine und von den Geräten. Wir haben es hier in der Ausbildung der Isolierer mit den automatisierten Zuschneidemaschinen zu tun. Und mit Systemen, wo das isometrische Aufmaßsystem digitalisiert wurde und wo man auf der Baustelle direkt das Aufmaß online eingeben kann, das dann an die Werkstatt weitergegeben wird.

Th. Supe: Also da ist eine Menge passiert in den letzten Jahren. Natürlich muss man auch sehen, wie groß eine solche Branche ist und mit welchem Investment die Hersteller solcher Systeme dann in den Markt gehen.

G. Geske: Und wie dort die Amortisationserwartungen oder Amortisationen überhaupt sind. Da mag es sein, dass andere Branchen vielleicht auf dem Weg der Digitalisierung deutlich weiter sind.

TI: Ist Nachhaltigkeit auch ein Thema in der Ausbildung?

Th. Supe: Sanierungsmethoden sind Gegenstand der Ausbildung. Klarer Fall. Besonders weil das Thema Isolierung auf dem Markt immer größer und wichtiger wird. Aber in erster Linie geht es darum, Rohrleitungen neu und fachgerecht zu dämmen oder neu zu verkleiden. Der Rückbau dieser Systeme ist bei uns eigentlich dadurch tägliches Programm, weil die Auszubildenden natürlich das, was sie bei uns erstellt haben, auch am Ende des Tages wieder zurückbauen müssen.

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(Bild: N. Fleischmann)

TI: Was glauben Sie: Wie wird sich die Isolier-Ausbildung in Zukunft entwickeln?

G. Geske: Da gibt es eine ganze Menge an zukünftigen Möglichkeiten, die wir auch in der Ausbildung wieder antreffen werden. Wir beschäftigen uns gerade aktuell mit dem Thema BIM, aber sind dabei noch in den Anfängen. Noch denken wir darüber nach, wie wir dieses Thema auch in die Ausbildung integrieren können. Das wird ja der nächste Meilenstein sein, der auf uns zukommt. Also nach dem Thema Digitalisierung wird es das Thema BIM werden. Aber auch die Frage des Energieschutzes wird sicherlich noch die eine oder andere Entwicklung mit sich bringen. Wir werden es vor dem Hintergrund der fortschreitenden Technisierung zukünftig noch mehr mit vorgefertigten oder teilvorgefertigten Systemen zu tun bekommen. Ich glaube, es wird ein bisschen mehr in die Systemtechnik hineingehen.

Th. Supe: Das kann schon sein. Früher haben wir die Heizungsleitungen verlötet, verschweißt oder verbunden. Heute werden sie gepresst und keiner spricht mehr von den früheren Methoden.

G. Geske: Auch die entsprechenden Produktionsstrecken werden zukünftig noch kostengünstiger produzieren. Daher wird künstliche Intelligenz (KI) ebenfalls ein Thema sein. Das müssen und werden wir genau beobachten. An diese Entwicklung passen wir dann unsere zukünftige Ausbildung an. Ich mache mir um die nächsten Jahre keine Sorgen, dass der Isolierer zum Beispiel komplett wegrationalisiert wird. Ganz im Gegenteil. Wir haben es, glaube ich, mit so viel Alt-Anlagen zu tun, die nicht gleich morgen alle verschwunden sind. Und darüber hinaus gibt es immer wieder neue Anwendungsentwicklungen.

Th. Supe: Außerdem muss man weiter warten, dämmen, reparieren. Es gibt jede Menge Neu-Anlagen, an der Stelle passiert immer noch viel. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Nachfrage nach Isolierungen, Isolierern und wenn ich mir die politische Landschaft mit der Diskussion über CO2 anschaue, bin ich mir sicher, dass die nächsten 20 Jahre quasi gesichert sind. Denn es wird immer Menschen geben müssen, die Dinge dann vor Ort im System einbauen. Und das werden dann Isolierer sein können.

G. Geske: Auch, wenn man den Weltmarkt anschaut, stimmt es. Zunächst unterliegt er bestimmten Regeln: Da werden Überlegungen angestellt wie: Wie hoch ist der Verfertigungsgrad? Wie viel kann vorgefertigt werden? Wie hoch sind die Transportkosten? Bei komplexen Bausystemen ist es glaube ich dann doch schon ein bisschen schwieriger, Mensch und Material aus China zu holen. An der Stelle bin ich Realist. Ich sage ganz deutlich: Wir haben einen chinesischen Markt, der uns sehr stark beliefert. Aber ich glaube, dass die Isolierer hier vor Ort weiterhin gebraucht werden. Denn der Unterschied der Gesetzmäßigkeiten der Märkte ist schon bemerkenswert. Sie unterliegen ihren eigenen Gesetzen. Und sie unterscheiden sich von den Europäischen. Es wird gerade überall viel Wind gemacht. Am Ende aber denke ich, das sich nicht nennenswert Negatives ändern wird.

TI: Herr Geske, Herr Supe, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Weitere Informationen:
Ausbildungszentrum der Bauindustrie in Hamm (ABZ Hamm)
des Berufsförderungswerks der Bauindustrie NRW gGmbH
Bromberger Str. 4-6
59065 Hamm
www.abz-hamm.de

 
Der Beitrag ist auch in Ausgabe 3.2019 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (November 2019) erschienen.

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