RM Rudolf Müller

Markt + Produkte
02. März 2021 | Artikel teilen Artikel teilen

Branchen-Perspektiven 2021

Das Jahr 2020 verlief aufgrund der Corona-Pandemie anders als erwartet, auch für die Isolierbranche. Doch was bringt das neue Jahr? Wie wird sich die Branche entwickeln? Und welche langfristigen Auswirkungen hat die Pandemie für Isolierbetriebe, Verbände und Hersteller? Wir haben nachgefragt.

 

Dr.-Ing Rudolf K. Jürcke, Präsident Fédération Européenne des Syndicats d’Entreprises d’Isolation (FESI)

„Die Position der technischen Isolierung in der Endphase von Bau- oder Instandhaltungsprojekten führte in 2020 in der Abarbeitung des Auftragsbestandes noch weitestgehend zur Sicherung der Beschäftigung. Die prognostizierte Schrumpfung der EU-Wirtschaft um 7,4 % durch die EU-Kommission dürfte die Branche daher erst einmal nicht in dieser Höhe treffen. Für 2021 bedeutet das aber, dass aufgrund der von 2020 verschobenen Investitionen die prognostizierte Erholung die Branche noch nicht erreicht, d.h. diese im Nachlauf zunächst mit einem Rückgang von -8 % bis -15 %, in einzelnen Ländern sogar bis zu -20 % rechnen muss, wobei aufgrund der unterschiedlichen Corona-Maßnahmen in Europa auch ein deutliches Nord-Süd-Gefälle festzustellen ist. Für 2021 und wohl verstärkt ab 2022 können politische Maßnahmen, die einerseits die coronabedingten Effekte abzuschwächen oder anderseits die CO2-Emission zu reduzieren versuchen, für die Branche einen positiven Einfluss haben. Zu nennen sind insbesondere die nationalen Energie- und Klimapläne (NECP) und das EU-Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 55 % zu senken. Das Bewusstsein von Entscheidern und Betreibern, unnötigen Energieverlust zu vermeiden, wird 2021 weiter geschärft. Hierbei spielt Isolierung die entscheidende Rolle. Speziell für Industrieanlagen ist daher auf EU-Ebene eine Klassifizierung (vgl. VDI 4610) und eine gesetzliche Forderung auf Einhaltung einer bestimmten Energieeffizienz dringend erforderlich. Untersuchungen (siehe EiiF Study 2021) zeigen, dass bei einer europaweiten Einhaltung der Klasse C (nach VDI 4610) eine CO2-Einsparung von 40 Mt jährlich möglich wäre (allein in Deutschland davon rd. 10 Mt). Dies gelänge relativ einfach durch bessere Isolierung bzw. eine zeitnahe Ausbesserung beschädigter Isolierung. Damit könnten europaweit bereits 10 % der erforderlichen Reduzierung (CO2-Ziel) realisiert werden. Wir als FESI unterstützen fortlaufend derartige Untersuchungen. Darüber hinaus setzen wir uns für die technischen und handwerklichen Standards ein und fördern die Aus- und Weiterbildung der Isolierer. Ein weiterer Fokus liegt auf Online-Trainings, verbesserten Methoden zur Messung und Analyse von Energieverlusten sowie Maßnahmen zur Korrosionsvermeidung (CUI). Auch Sensorik und Digitalisierung beeinflussen unser Arbeitsumfeld verstärkt. FESI fungiert in all diesen Punkten als Informationsplattform zwischen und zu den nationalen Verbänden. Dabei ist auch die Steigerung der Attraktivität unseres Berufsbildes ein wichtiger Aspekt in der Bekämpfung des sich in vielen Ländern verstärkenden Facharbeitermangels.“

 

Tino Beyer, Verkaufsleiter (D/AT/CH), Dämmstoffhandel / OEM, Kaimann GmbH

„Die prägenden Faktoren der Isolierungsbranche sehen wir bei Kaimann weiterhin in den Bereichen Infrastruktur und Wohnungsbau, wo wir für 2021 eine leicht positive Entwicklung erwarten. Da der Gesamtenergiebedarf der EU nach wie vor zu einem Großteil auf die Beheizung und Klimatisierung von Gebäuden fällt, sind Investitionen in Dämmsysteme zur Energieeinsparung entscheidend, um die Klimaziele der EU zu erreichen. Dies schätzen wir als gesicherte Zukunftsperspektive für das Fachhandwerk der Wärme-, Kälte- und Schallschutzisolierer ein. Bisher war der Einfluss der Corona-Krise auf die Bauwirtschaft eher gering. Spürbar ist jedoch, dass die Auftragsreserven der Unternehmen schmelzen und neben Bauverzögerungen auch erste Stornos zu verzeichnen sind. Die anhaltende Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie und die gesamtwirtschaftliche Erholung verringern zudem den Anreiz für langfristige Bauprojekte. Das zeigt auch, dass sich die Bauwirtschaft von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nicht ganz abkoppeln lässt. Dank des Konjunkturpakets der Bundesregierung und des weiterhin günstigen Finanzierungsumfelds erwarten die Branchenverbände wie HDB und ZDB für das vergangene Jahr trotzdem nur einen geringen Rückgang im Bauhauptgewerbe in einer Größenordnung von 3 %. Für 2021 wird unseres Erachtens die größte Herausforderung der Branche weniger die Auftragslage als der Mangel an Fachkräften sein. Für Handwerksunternehmen gilt es, Nachwuchskräfte für das Gewerk zu begeistern, für uns als Hersteller wiederum, Produkte und Dienstleistungen anzubieten, welche die Produktivität auf der Baustelle erhöhen. Prägend sind für uns als Tochterunternehmen von Saint-Gobain zudem die Themen Nachhaltigkeit, Wohlbefinden und Zirkularität. So verpflichten wir uns als Unternehmen zur Klimaneutralität bis zum Jahre 2050.“

 

Andreas Gürtler, Director European Industrial Insulation Foundation (EiiF)

„Wir als EiiF hoffen, dass die größeren Anstrengungen, den Klimawandel zu stoppen, die Qualität und Nachhaltigkeit eines Dämmsystems mehr in den Fokus rücken werden. Ende 2020 haben wir deshalb zusammen mit dem FIW München und dem VDI eine Initiative gestartet, die die deutsche Energieklassen-Richtlinie VDI 4610 in eine offizielle EN-Norm und später vielleicht sogar in eine ISO-Norm überführen soll. Dies, so glauben wir, wird dazu beitragen, dass die Energieklassen für technische Dämmsysteme in Europa und darüber hinaus akzeptiert werden. Weiterhin arbeiten wir zusammen mit der chemischen Industrie an einer Industrie-Richtlinie für Inspektionsintervalle von Dämmungen. Auf politischer Ebene leisten wir national Überzeugungsarbeit und sind in Brüssel in Energieeffizienz-Gremien und Arbeitsgruppen aktiv. Grundsätzlich sehen wir zwei entgegengesetzte Branchentrends: In Deutschland haben wir z.B. unseren letzten TIPCHECK in einer Produktionsstätte durchgeführt, wo Glasflaschen für COVID-19-Impfungen herstellt werden. Nach dem TIPCHECK hat der Betreiber investiert, um die identifizierten Probleme zu beheben. In den Niederlanden sehen wir dagegen eine Tendenz, dass Unternehmen sogar weniger isolieren, da sie Angst vor Korrosion unter der Isolierung haben. In unseren Augen keine kluge Entscheidung, da die erhöhten Wärmeverluste und steigenden Kosten für die CO2-Emissionszertifikate neben der Klimabelastung außerdem die Produktionskosten steigen lassen. Was die Zukunft des europaweiten Marktes angeht, untersuchen wir mit der EiiF Möglichkeiten und Anforderungen von Dämmungen bei der Produktion von grünem Wasserstoff. Eine Technik, die vor allem den energieintensiven Unternehmen saubere Energie zur Verfügung stellen soll. Außerdem glauben wir, dass die Beratung hinsichtlich Energieeffizienz wichtiger wird. Aufgrund der CO2-Abgabe steigt das Interesse bereits. All das hat Potenzial, den Markt für hochwertige, innovative und nachhaltige Dämmlösungen zu öffnen. Andererseits sind wir uns bewusst, dass Atom- und Kohlekraftwerke sowie Raffinerien in der EU längerfristig an Bedeutung verlieren. Für unsere Branche waren das immer große Aufträge. Wenn es uns aber gelingt, die VDI Energieklassen in Europa einzuführen und qualitative, innovative Dämmlösungen als ‚Klimaschützer‘ besser zu bewerben, sehe ich gute Chancen, dass wir den Rückgang auf die eine oder andere Weise kompensieren können.“

 

Jörg Seidemann und Klaus Peerenboom, Geschäftsführer ISOPARTNER GmbH & Co. KG

„Das Jahr 2021 hat für uns alle schwierig angefangen. Die bereits existierenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wurden noch einmal verschärft und jeder von uns sehnt sich die ‚alte‘ Normalität zurück. Aber es gehört zur Wahrheit, dass die Impfungen nun begonnen haben und wir langsam das Licht am Ende des Tunnels sehen. Ebenso gehört zur Wahrheit, dass unsere Branche bisher vergleichsweise mild von den Auswirkungen der Pandemie betroffen war. Auch die Aussichten für die Bauindustrie im Jahr 2021 sowie positive Entwicklungen im Isoliermarkt, z.B. die Einführung der MVV TB 2019 und das allgegenwärtige Thema der CO2-Reduzierung, geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Die Isolierbranche steht vor Herausforderungen, die wir als Chance und nicht als Bedrohung verstehen sollten. Die Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung bietet, sollen nur als ein Beispiel dienen. Vielleicht kann das Jahr 2021 von allen im Isoliermarkt führenden Herstellern, Verarbeitern und Fachhändlern auch dazu genutzt werden, den Stellenwert unserer Branche aufzuwerten. Gleichzeitig besteht so die Chance u.a. junge Menschen zu motivieren, in unserer Branche ihre Zukunft zu gestalten. Wir sind jedenfalls für diesen Schritt bereit und denken über neue Ausbildungsformate nach. Ebenso können wir uns eine gemeinsame Ausbildungsinitiative mit Verarbeitern vorstellen. Wir als ISOPARTNER Deutschland GmbH & Co.KG sind offen für diesen zukunftsorientierten Dialog.“

 

Markus Biland, Geschäftsführer MABI AG

„Aufgrund der steigenden Anforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden und Anlagen hat sich die Isolierbranche in den vergangenen Jahren gut entwickelt. Auch die Bilanz für das Corona-Jahr 2020 fällt trotz aller Schwierigkeiten gut aus. Dem Jahr 2021 blicke ich daher positiv entgegen. Die größte Herausforderung für die Branche liegt meiner Einschätzung nach weiter darin, dass der Nachwuchs fehlt. Durch den Einsatz von Maschinen und die fortschreitende Automatisierung von Prozessen lässt sich zwar der Umgang mit dem Material erleichtern. Für die Montage und Instandhaltung brauchen wir aber auch in Zukunft gut ausgebildete Fachkräfte. Und die sind immer schwerer zu finden. Der Ausfall von Bildungsmessen durch die Pandemie hat die Situation nicht gerade verbessert. Die Branche muss geschlossen vorgehen und sinnvolle Konzepte zur Nachwuchsgewinnung finden. Von der Politik sollte mehr unternommen und auch mehr Gelder zur Verfügung gestellt werden, um das Handwerk zu fördern.“

 

Thomas Pitsch, Vertriebsleiter Schwartmanns Maschinenbau GmbH

„Zu Beginn der Corona-Krise war die Branche gefühlt wie in einer Schockstarre. Die Stimmung habe ich als skurril wahrgenommen: Das Telefon klingelte nicht, es kamen keine E-Mails an usw. Wir haben damals Notfallpläne erstellt und waren auf alles vorbereitet. Zu Beginn der Pandemie gingen wir auch in Kurzarbeit. Doch in der zweiten Jahreshälfte hat sich das Geschäft stabilisiert. Mit dem Start in 2021 sind wir hochzufrieden. Und wir blicken optimistisch in die Zukunft. Denn Schwartmanns hat in seiner 55-jährigen Unternehmensgeschichte weltweit so viel Strahlkraft entwickelt, dass wir Rückgänge in einzelnen Gebieten mit Steigerungen in anderen kompensieren können. Zudem sind wir auf einer Reise vom klassischen Maschinenbau- zum Technologieunternehmen. Wir bieten jetzt auch Neuheiten wie das lasergestützte Aufmaßsystem isodot (TI-Produkt des Jahres 2020) und ab 2021 eine Laserschneidanlage und weitere Innovationen an. Aus Kundengesprächen wissen wir, dass die Auftragsbücher bei den meisten Isolierern gut gefüllt sind. Im Bereich Haustechnik wird das auch so bleiben. Eventuell gibt es einige Industrieprojekte, die zurückgestellt werden. Durch die Energieeinsparverordnungen und die staatlichen Vorgaben zur CO2-Reduzierung wird es aber eine erhöhte Nachfrage nach Isolierung geben. Die Klimaziele der Regierungen sind die Treiber der neuen Möglichkeiten für Isolierbetriebe. Die Branche ist gut vernetzt und hat mit der European Industrial Insulation Foundation (EiiF) eine tolle Organisation an ihrer Seite, um ihre Interessen in Brüssel und den Bundesregierungen zu platzieren.“

 

Andreas Regel, Produktmanager Isolierung, Bilfinger OKI Isoliertechnik GmbH

„Die Isolierbranche ist seit jeher ein wichtiger Baustein in der Industrie, denn durch die richtigen Dämmsysteme werden rechtliche Bestimmungen im Bereich des Arbeitsschutzes umgesetzt und die wirtschaftlichen Aspekte durch die Steigerung der Energieeffizienz unterstützt. Das wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, damit die deutsche Industrie wettbewerbsfähig und somit zukunftsfähig und emissionsarm produzieren kann. Im Jahr 2020 wurde von der EU-Kommission der European Green Deal (EGD) verabschiedet, welcher für alle EU-Mitgliedsstaaten eine verpflichtende Reduzierung von Treibhausgas Emissionen in Höhe von 55 % bis zum Jahr 2030 gegenüber dem Ausgangsjahr 1990 vorsieht. Dieses ehrgeizige Ziel hatte die Bundesregierung mit ihrem Nationalen Energieund Klimaplan bereits im Vorfeld für Deutschland beschlossen. Diese Vorgaben verstärken den Druck auf die Industrie, im Jahr 2021 effiziente Maßnahmen zur CO2-Einsparung zu ergreifen und entsprechende Isolierarbeiten zu beauftragen. In diesen Vorschriften zur Reduzierung der CO2-Emissionen liegt großes Potenzial für die Isolierbranche: Die Identifikation von Energieverlusten in Industrieanlagen und die Isolierung dieser Bereiche spart Energie für den Betreiber und senkt so den Energieverbrauch und damit die Energiekosten und den CO2-Ausstoß. Nach jüngsten Studien der European Industrial Insulation Foundation (EiiF) kann bis zu 15% der notwendigen CO2-Einsparung im Industriesektor Deutschlands durch Isolierung erreicht werden. Mit unseren gut ausgebildeten Ingenieuren ist Bilfinger als Industriedienstleister auf diese Aufgaben bestens vorbereitet.“

 

Wolfgang Kreuch, BU-Leiter, Wrede & Niedecken GmbH

„Das Jahr 2020 war vor allem von Corona geprägt. Vor diesem Hintergrund entwickelten wir ein Hygienekonzept, mit dem wir ohne größere Unterbrechungen weiterarbeiten konnten. Das Konzept überzeugte unseren Auftraggeber und wurde bis heute beibehalten. Neben unseren umfangreichen Arbeitssicherheitsunterweisungen wurden Personalschulungen in Bezug auf Hygienemaßnahmen durchgeführt und die Abläufe auf der Baustelle neu organisiert. Um Ansteckungen zu vermeiden, gab es sehr restriktive Kontaktregeln. Insbesondere wurden die Transportmöglichkeiten für unsere Mitarbeiter auf der Baustelle neu organisiert, damit nur noch zwei Personen statt zuvor sechs in einem Auto fahren. Auch die Pausenzeiten mussten neu organisiert werden. Außerdem durften sich verschiedene Teams nicht mehr vermischen, um im Falle einer Corona-Infektion nicht die gesamte W&N-Mannschaft in Quarantäne schicken zu müssen. Insgesamt war dies eine enorme Herausforderung – aber als Team haben wir es wirklich sehr gut gemeistert. Auch das Jahr 2021 wird für uns weiterhin deutlich unter dem Einfluss der Pandemie stehen und die Abläufe in einigen Bereichen erschweren. Wir können nur hoffen, dass es im Jahr 2022 wieder anders aussehen wird.“

 

Der Beitrag ist auch in Ausgabe 01.2021 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (November 2020) erschienen.

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