RM Rudolf Müller

Abb. 1: Besonders die Nichtbrennbarkeit und Schwerenflammbarkeit ist bei baulichen Anlagen für das Glimmen und Schwelen relevant (Foto: wklzzz _123rf)

 
Recht + Regeln
05. Juni 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Brandschutz und Technische Isolierung: Glimmen und Schwelen

Technische Isolierungen aus Mineralwolle unterliegen der DIN EN 14303 und tragen eine CE-Kennzeichnung. Zum Glimmen und Schwelen kann der Hersteller in der Leistungserklärung jedoch keine Angaben machen.

Von Thomas Krause-Czeranka. Technische Isolierungen unterliegen als Wärmedämmstoffe für die technische Gebäudeausrüstung und für betriebstechnische Anlagen in der Industrie harmonisierten Produktnormen und werden hinsichtlich ihres Brandverhaltens auf Grundlage der DIN EN 13501-1 – dem europäischen System – klassifiziert. Die Zuordnung der Klassifizierung zu den bauaufsichtlichen Anforderungen erfolgt durch die Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen. Diese Bauprodukte tragen die CE-Kennzeichnung nach der europäischen Bauprodukte-Verordnung. Aber nicht alle über das deutsche Baurecht geforderten Leistungen können im Einzelfall über das europäische System abgebildet werden.


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Zusätzliche Nachweisverfahren sind in der EU untersagt

Welche Nachweise werden erforderlich?

Die Bauordnungen der Länder stellen neben den Anforderungen an Wärmeschutz oder Schallschutz insbesondere Anforderungen an das Brandverhalten der in baulichen Anlagen verwendeten Bauprodukte. Die bauordnungsrechtlichen Begriffe:

  • nicht brennbar,
  • schwerentflammbar,
  • normalentflammbar sowie
  • leichtentflammbar,

werden über verschiedene Tabellen über den Anhang 4 der MVV TB  unterschiedlichen Klassifizierungen zugeordnet. Im Wesentlichen wird hierbei zwischen Bauprodukten unterschieden, die einen nationalen Verwendbarkeitsnachweis haben, zu denen, die die CE-Kennzeichnung nach der BauPVO tragen. Soweit ein Bauprodukt dem Anwendungsbereich einer europäisch harmonisierten Produktnorm unterliegt, ist der Hersteller eines solchen Bauproduktes zur CE-Kennzeichnung verpflichtet. Ein zusätzliches nationales Nachweisverfahren – wie beispielsweise die Erteilung einer allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung – ist den Mitgliedstaaten untersagt. Diese harmonisierten Bauprodukte werden auf Grundlage der DIN EN 13501-1 – dem europäischen System – klassifiziert.

Existiert für ein Bauprodukt (noch) keine harmonisierte Produktnorm, benötigt dieses Bauprodukt einen nationalen Verwendbarkeitsnachweis.

Bei den nationalen Nachweisen handelt es sich in der Regel um eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung oder ein allgemeines bauaufsichtliches Prüfzeugnis. Das Brandverhalten dieser Bauprodukte wird im Rahmen von nationalen Prüfverfahren nachgewiesen und diese Bauprodukte werden auf Grundlage der DIN 4102-1 – dem nationalen System – klassifiziert. Anstelle einer CE-Kennzeichnung tragen diese Bauprodukte das Ü-Zeichen.


Hinweis

Mittlerweile existiert mit der DIN EN 16733:2016-07 ein harmonisiertes Prüfverfahren für den Nachweis des Glimmverhaltens. Allerdings muss dieses Prüfverfahren noch im Rahmen der Revisionen in die jeweiligen Produktnormen übernommen werden.


Was hat es nun mit dem Glimmen auf sich?

Die Bauordnungen der Länder verknüpfen die Anforderung des Brandverhaltens mit einer Anforderung an das Glimmverhalten. Unter dem Begriff Glimmverhalten versteht man ein kontinuierliches Schwelen bzw. einen unvollständigen Verbrennungsprozess.

Die MVV TB konkretisiert die bauordnungsrechtlichen Anforderungen. Für das Brandverhalten regelt die MVV TB in Abschnitt A 2.1.2.1 (Allgemeines):

„Bei baulichen Anlagen oder Teilen von baulichen Anlagen, bei denen die Anforderungen nichtbrennbar oder schwerentflammbar gestellt werden, ist sicherzustellen, dass es nicht durch unbemerktes fortschreitendes Glimmen und/oder Schwelen zu einer Brandausbreitung kommen kann.“

Somit besteht im deutschen Baurecht die Anforderung eines Nachweises bzgl. des Glimmverhaltens für Bauprodukte, sobald Anforderungen an das Brandverhalten nichtbrennbar oder schwerentflammbar gestellt werden. In den jeweiligen Abschnitten der MVV TB, die das Brandverhalten konkretisieren, ist die Anforderung an das Glimmverhalten „kein fortschreitendes Glimmen und/oder Schwelen“ ebenfalls vorzufinden. Siehe auch:

  • MVV TB Abschnitt A 2.1.2.2 Nichtbrennbar, bzw.
  • MVV TB Abschnitt A 2.1.2.3 Schwerentflammbar

Das Glimmverhalten ist bei Bauprodukten grundsätzlich erfasst. Im Rahmen der nationalen Prüfverfahren zur Ermittlung der Baustoffklassen (nach DIN 4102) A1, A2 und B1 wird das Glimmverhalten automatisch mit abgeprüft.

Bauprodukte, die als Baustoffklasse A1, A2 oder B1 (nach DIN 4102-1) klassifiziert sind (also die den bauaufsichtlichen Anforderungen nichtbrennbar oder schwerentflammbar entsprechen), haben damit nachgewiesen, dass sie nicht glimmen. Eine gesonderte Prüfung ist für derart klassifizierte Bauprodukte nicht erforderlich.

Das Glimmverhalten ist jedoch in der Klassifizierung nach EN 13501-1 nicht berücksichtigt!

Grundsätzlich ist das Glimmverhalten auch in den harmonisierten Normen für Dämmstoffe als wesentliches Merkmal benannt – allerdings war zum Zeitpunkt der jeweiligen Fassungen dieser Produktnormen das entsprechende Prüfverfahren nicht abgestimmt. Damit ist es dem Hersteller nicht möglich im Rahmen der CE-Kennzeichnung und der Leistungserklärung eine Aussage zum Glimmverhalten zu treffen. Aus Sicht des deutschen Bauordnungsrechtes sind diese Produktnormen „lückenhaft“.


Definition „Glimmen“ nach DIN EN 16733:2016

Brennen eines Werkstoffes im festen Aggregatzustand ohne Flamme, jedoch mit Emission von Licht aus dem Verbrennungsbereich.


Produktnormen mit Lücken

Der Begriff „lückenhafte Norm“ ist nicht ganz korrekt, da eine harmonisierte Norm aus juristischer Sicht grundsätzlich als abschließend und vollständig zu betrachten ist. Tatsächlich ergeben sich aber im Einzelfall Probleme mit harmonisierten Normen, in denen Merkmale und Bewertungsmethoden fehlen, an die über das Bauordnungsrecht Anforderungen (wie beispielsweise das Glimmverhalten) gestellt werden. Das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) veröffentlichte dazu eine „Prioritätenliste “, in der solche „lückenhafte“ harmonisierte Produktnormen aufgeführt sind. Die Prioritätenliste (Stand 25.02.2019) umfasst 84 Produktnormen.

In derzeit noch 13 Produktnormen ist es nicht möglich, Leistungen zum Glimmverhalten oder zu Schmelzpunkt/Formstabilität anzugeben. Das betrifft insbesondere die Wärmedämmstoffe. Aufgeführt wird in der Prioritätenliste auch die DIN EN 14303:2009+A1:2013 (Produktnorm für Bauprodukte für die technische Gebäudeausrüstung und für betriebstechnische Anlagen in der Industrie – Werkmäßig hergestellte Produkte aus Mineralwolle).

Wie ist der Nachweis zum Glimmverhalten zu führen?

Das Dilemma für die am Bau Beteiligten ist, dass auf der einen Seite Anforderungen aus dem Baurecht zum Glimmverhalten existieren, aber auf der anderen Seite der Hersteller eines von der Lücke betroffenen harmonisierten Bauproduktes (wie beispielsweise Technische Isolierungen nach DIN EN 14303) keine Angaben zum Glimmverhalten im Rahmen der CE-Kennzeichnung und der dazugehörigen Leistungserklärung treffen können.

Vor dem Urteil des EuGH im Jahre 2014 und der darauf folgenden Novellierung der bauordnungsrechtlichen Regeln um die Verwendung von Bauprodukten und der Anwendung von Bauarten wurden diese Lücken über einen formalen Verwaltungsakt geschlossen. In den Produktnormen fehlende Leistungen wurden national ergänzt. Neben der Leistungserklärung und der CE-Kennzeichnung benötigten diese Produkte in der Regel eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung (abZ), mit der beispielsweise der Nachweis zum Glimmverhalten geführt wurde. In Übereinstimmung mit der abZ trugen die Bauprodukte neben der CE-Kennzeichnung das nationale Ü-Zeichen. In Folge des Urteils des EuGH musste dieses zusätzliche Nachweisverfahren (und die damit verbundene Doppelkennzeichnung) abgestellt werden.

Derzeit können zusätzliche, über die Produktnorm hinausgehende Leistungen eines Bauproduktes im Rahmen der CE-Kennzeichnung und der Leistungserklärung nicht deklariert werden – auch wenn diese für die Bauwerkssicherheit oder den Verbraucherschutz national relevant sind. Die Nachweislücke der „lückenhaften“ harmonisierten Produktnormen wird derzeit mit freiwilligen zusätzlichen Angaben zu den Bauprodukten geschlossen. Die Korrektheit einer solchen freiwilligen Erklärung erfolgt im Rahmen einer Technischen Dokumentation (geregelt in der MVV TB Abschnitt D3). Einen Hinweis zu dieser Art Technischer Dokumentation liefert die o. g. Prioritätenliste: Sie führt die Möglichkeiten zur Erklärung fehlender Leistungen auf. Hinsichtlich der Anforderungen an das Glimmverhalten verweist die Prioritätenliste beispielsweise u. a. auf einen Prüfbericht nach EN 16733:2016 als Technische Dokumentation. Diese Norm ist eine Prüfnorm, die zukünftig auch in die betreffenden Produktnormen aufgenommen wird (siehe auch Kasten „Hinweis“). Sobald dieses Prüfverfahren in der Produktnorm verankert ist, kann der Hersteller auch das Glimmverhalten im Rahmen seiner Leistungserklärung und CE-Kennzeichnung deklarieren. Bis dahin muss er sich des Werkzeugs der Prioritätenliste in Verbindung mit der Technischen Dokumentation nach MVV TB D3 bedienen.

In der MVV TB findet sich im Anhang 4 im Anschluss an die Zuordnungstabellen der Baustoffklassifizierungen ein zusätzlicher Abschnitt zum Glimmverhalten, der eine Auflistung der betreffenden „lückenhaften“ Normen beinhaltet sowie die Art der Technischen Dokumentation beschreibt (s. Info zu MVV TB, Anhang 4 1.3)


MVV TB, Anhang 4: 1.3 Mindestens erforderliche Leistungen zum Glimmverhalten

Zur Erfüllung der Bauwerksanforderungen in A 2.1.2 bei schwerentflammbaren oder nichtbrennbaren Teilen baulicher Anlagen, bei denen Bauprodukte nach folgenden harmonisierten Normen (EN 438-7:20052, EN 13162:2012+A1:20153, EN 13168:2012+A1:20154, EN 13170:2012+A1:20155, EN 13171:2012+A1:20156, EN 13950:20147, EN 13964:20148, EN 13986:2004+A1:20159, EN 14064-1:201010, EN 14190:201411, EN 14303:2009+A1:201312, EN 15037-4:2010+A1:201313, EN 15498:200814) verwendet werden sollen, sind gemäß Tabelle 1.2 Angaben zum Glimmverhalten erforderlich. Zur Bestimmung des Glimmverhaltens liegt ein europäisches Prüfverfahren DIN EN 16733:2016-07 vor; die notwendige Angabe lautet: „Die Prüfung wurde bestanden: das Produkt zeigt keine Neigung zum kontinuierlichen Schwelen.“


Fazit

Für Bauprodukte, an die bauordnungsrechtlich die Anforderungen nichtbrennbar oder schwerentflammbar gestellt werden, bestehen zusätzliche Anforderungen an das Glimmverhalten. Bei Bauprodukten mit einem nationalen Verwendbarkeitsnachweis ist der Nachweis zum Glimmverhalten automatisch im Rahmen der Baustoffklassifizierung erfolgt. Bei Bauprodukten nach harmonisierten Produktnormen, wie z.B. Technische Isolierungen nach DIN EN 14303, ist ein zusätzlicher freiwilliger Nachweis des Herstellers erforderlich. Die Grundlage hierzu ist eine Aussage auf Basis der DIN EN 16733.

Das Materialprüfungsamt NRW bietet seinen Kunden alle Prüfungen zum Brandverhalten – selbstverständlich auch das Prüfverfahren nach DIN EN 16733.


Autor

Dipl.-Ing. Thomas Krause-Czeranka: Abteilung Bausicherheit Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen Brandprüfzentrum Erwitte, Mitglied Normenausschuss NA 005-52-04 AA (DIN 4102-4), Fachdozent für Bauprodukte und Bauarten, Ingenieurbüro Krause-Czeranka, Herausgeber Infodienst Bauprodukte Aktuell (erscheint bei FeuerTrutz Network GmbH)
krause@mpanrw.de


 Der Beitrag ist auch in Ausgabe 2.2020 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Mai 2020) erschienen.

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