RM Rudolf Müller
Technische Isolierung 1-2020: Brandschutz und Technische Isolierungen

Abb. 1: Mit der Fassung der MVV TB 2019 ändert sich die Mindestanforderung an die Schwerentflammbarkeit (Bild: maroti123rf)

Planung
09. März 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Brandschutz und Technische Isolierungen

Wärmedämmstoffe für Gebäude tragen wesentlich zum Klimaschutz bei, indem diese die Auskühlung beheizter Gebäude minimieren. Energiepolitische Ziele wie beispielsweise den nach Energieeinsparverordnung – EnEV – bis 2050 angestrebten „klimaneutralen Gebäudebestand“ sollen u.a. über den Einsatz von Wärmedämmstoffen umgesetzt werden.

Von Thomas Krause-Czeranka. Die grundlegenden bauordnungsrechtlichen Anforderungen zum Wärmeschutz ergeben sich aus Absatz 1 des § 15 MBO „Wärme-, Schall-, Erschütterungsschutz“. Diese werden über Technische Regeln, wie beispielsweise die DIN 4108, konkretisiert.

Technische Isolierung 1-2020: Brandschutz und Technische Isolierungen

Abb. 2: Bauaufsichtliche Anforderung und Zuordnung der Klassen nach DIN 4102-1 gemäß MVV TB,
Ausgabe 2019/01; Anhang 4; Tabelle 1.1 (Grafik: Krause-Czeranka)
1 Es kann zusätzlich der Nachweis nach DIN 410217-17:2017-12 erforderlich sein


Hinweis:

Im vorliegenden Beitrag wird auf die Regelungen der Musterbauordnung (MBO) bzw. Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) Bezug genommen. In der Praxis sind die jeweiligen Regelungen der Länder (Landesbauordnungen, Technische Baubestimmungen etc.) zu beachten.


Bauordnungsrechtliche Anforderungen

Neben den Anforderungen an Wärmeschutz oder Schallschutz stellt das deutsche Bauordnungsrecht insbesondere Anforderungen an das Brandverhalten der in baulichen Anlagen verwendeten Bauprodukte. Die grundlegenden Anforderungen bzgl. des Brandschutzes finden sich in § 14 MBO:

„Bauliche Anlagen sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass der Entstehung eines Brandes und der Ausbreitung von Feuer und Rauch (Brandausbreitung) vorgebeugt wird und bei einem Brand die Rettung von Menschen und Tieren sowie wirksame Löscharbeiten möglich sind.“

Neben diesen Grundanforderungen finden sich in den Bauordnungen und auch Sonderbauverordnungen zahlreiche weitere Anforderungen an den Brandschutz und insbesondere an das Brandverhalten der verwendeten Bauprodukte. Als Mindestanforderung für das Brandverhalten von Baustoffen gilt, dass diese mindestens normalentflammbar sein müssen (siehe auch § 26 Abs. 1 Satz 2 MBO).

Die Konkretisierung der Anforderungen erfolgt über die Verwaltungsvorschriften der Länder und über Technische Baubestimmungen.

So finden sich insbesondere in den Technischen Baubestimmungen Musterleitungsanlagen-Richtlinie (MLAR) als auch Muster-Lüftungsanlagenrichtline (M-LüAR) auch Anforderungen an das Brandverhalten von Technischen Isolierungen.

Für diese bauaufsichtlichen Anforderungen werden die abstrakten Begriffe

  • nichtbrennbar,
  • schwerentflammbar,
  • normalentflammbar sowie
  • leichtentflammbar

verwendet. Die hinter diesen Begriffen stehenden Brandszenarien werden in der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) im Abschnitt A 2.1.2 beschrieben. Die auf Grundlage von genormten Prüfungen zum Brandverhalten zu ermittelnden Klassifizierungen des Brandverhaltens von Bauprodukten werden diesen abstrakten Begriffen in der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen im Anhang 4 gegenübergestellt.

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Abb. 3: Beispiele von technischen Isolierungen auf Grundlage von harmonisierten Produktnormen (Tabelle: Krause-Czeranka)

Klassifizierung des Brandverhaltens

In Deutschland basiert die Klassifizierung des Brandverhaltens von Bauprodukten auf der DIN 4102-1 und auf der DIN EN 13501-1. Grundlage dieser Klassifizierungen sind Prüfungen, die nach Prüfnormen durchzuführen sind. Abb. 2 zeigt die Zuordnung der bauaufsichtlichen Benennungen zu den mindestens erforderlichen Klassifizierungen nach DIN 4102-1 sowie zusätzliche zu erfüllende Merkmale. Die Tabelle ist der MVV TB Ausgabe 2019/1 entnommen, die Zuordnungen entsprechen jedoch auch den Ausführungen der MVV TB Ausgabe 2017 und sind somit in allen Ländern gleich. Bezüglich der Anforderung nichtbrennbar kann zusätzlich der Nachweis des Schmelzpunktes von mindestens 1000 °C nach DIN 4102-17:2017-12 erforderlich sein (Fußnote „1“ in Abb. 2).

Technische Isolierungen (Wärmedämmstoffe für die technische Gebäudeausrüstung und für betriebstechnische Anlagen in der Industrie) sind seit dem Jahr 2013 europäisch harmonisiert, d.h. diese Bauprodukte werden auf Grundlage einer harmonisierten Produktnorm in den Verkehr gebracht. Abb. 3 zeigt eine Auswahl von Produktnormen von Technischen Isolierungen.

Die Klassifizierung der harmonisierten ­Dämmstoffe erfolgt ausschließlich nach dem europäischen Klassifizierungssystem der DIN EN 13501-1.

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Abb. 4: Bauaufsichtliche Anforderung und Zuordnung der Klassen nach DIN EN 13501-1:2010-01 gemäß MVV TB, Ausgabe 2017/1; Anhang 4; Tabelle 1.3.1 (Grafik: Krause-Czeranka)

Diese unterscheidet grundsätzlich neben einer allgemeinen Baustoffklassifizierung noch lineare Rohrisolierungen und Bodenbeläge (siehe auch Abb. 4 und 5). Die Unterscheidung erfolgt durch die zusätzliche Angabe eines Index zu der Hauptklassifizierung. Für Bodenbeläge ist das die Buchstabenkombination „fl“ (für „flooring“) und für die linearen Rohrisolierungen der Buchstabe „L“. Hintergrund für diese separaten Klassifizierungssysteme sind unterschiedliche Prüfverfahren sowie die Berücksichtigung unterschiedlicher Anwendungsbereiche. So gelten beispielsweise bei Bauprodukten in der Anwendung als lineare Rohrisolierungen andere Grenzwerte als für Wand- und Deckenbekleidungsprodukte. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass für die linearen Rohrisolierungen das Klassifizierungssystem nach DIN EN 13501-1, Tab. 3 nur für Rohrisolierung bis zu einem Außendurchmesser von 300 mm gültig ist. Bei Außendurchmessern von mehr als 300 mm muss die Prüfung als ebenes Produkt und die Klassifizierung nach DIN EN 13501-1, Tab. 1 durchgeführt werden.

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Abb. 5: Bauaufsichtliche Anforderung und Zuordnung der Klassen nach DIN EN 13501-1:2010-01 gemäß MVV TB, Ausgabe 2019/1; Anhang 4; Tabelle 1.2 (Grafik: Krause-Czeranka)

Achtung Änderung!

Am 15. Januar 2020 hat das Deutsche Institut für Bautechnik im Einvernehmen mit den Ländern die Fassung 2019/1 der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) veröffentlicht. Damit können die Länder nun die MVV TB 2019 in Landesrecht überführen. Das Land Rheinland-Pfalz hatte bereits zum 01. Januar dieses Jahres die Fassung 2019 umgesetzt.

Mit der Fassung der MVV TB 2019 ändert sich die Mindestanforderung an die Schwerentflammbarkeit. Ein schwerentflammbares Bauprodukt muss neben der Mindestforderung C oder CL mindestens die Klasse s2 bzgl. der Rauchentwicklung erreichen. Abb. 4 zeigt die Zuordnung der bauaufsichtlichen Anforderungen zu den jeweiligen Mindestanforderungen der Klassifizierungen nach DIN EN 13501-1 auf Grundlage der MVV TB Ausgabe 2017/1. Diese Anforderungen gelten derzeit bis auf in Rheinland-Pfalz in allen Ländern. Abb. 5 zeigt die Zuordnung der Anforderungen auf Grundlage der MVV TB Ausgabe 2019/1, die derzeit nur in RLP umgesetzt wurde.

In RLP müssen deswegen seit dem 02.01.2020 dort, wo Bauprodukte schwerentflammbar sein müssen, Bauprodukte mit europäischer Klassifizierung des Brandverhaltens mindestens die Klasse C-s2, d2 haben!

Für andere Bundesländer ist mittelfristig eine Anpassung zu erwarten, auch wenn dort zunächst noch die bisherige Zuordnung gültig ist. Ein Bauprodukt mit der Klassifizierung C-s3, d2 gilt zukünftig in Deutschland nicht mehr als schwerentflammbar!

Fazit

Technische Isolierungen unterliegen als Wärmedämmstoffe für die technische Gebäudeausrüstung und für betriebstechnische Anlagen in der Industrie harmonisierten Produktnormen und werden hinsichtlich ihres Brandverhaltens von Bauprodukten auf Grundlage der DIN EN 13501-1 klassifiziert. Die Zuordnung dieser Klassifizierung zu den bauaufsichtlichen Anforderungen erfolgt durch die Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen. Für die nach DIN EN 13501-1 klassifizierten Bauprodukte erfolgt mit der Fassung 2019/1 der MVVTB eine neue Definition der Schwerentflammbarkeit. Davon betroffen sind Produkte, die über viele Jahre hinweg als schwerentflammbar bezeichnet werden konnten, bei denen dies aufgrund ihrer starken Rauchentwicklung dann aber nicht mehr möglich ist.


Autor

Dipl.-Ing. Thomas Krause-Czeranka: Abteilung Bausicherheit Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen Brandprüfzentrum Erwitte, Mitglied Normenausschuss NA 005-52-04 AA (DIN 4102-4), Fachdozent für Bauprodukte und Bauarten, Ingenieurbüro Krause-Czeranka, Herausgeber Infodienst Bauprodukte Aktuell (erscheint bei FeuerTrutz Network GmbH)
krause@mpanrw.de


Info: MPA NRW (Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen)

Das Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen wurde 1947 in Dortmund gegründet und ist als Prüf-, Überwachungs- und Zertifizierungsstelle für über 15.000 Kunden tätig. In der Außenstelle Erwitte wird seit 1980 das Brandprüfzentrum Erwitte betrieben. Seit Anfang 1995 ist das MPA NRW durch Erlass des NRW-Wirtschaftsministeriums Landesbetrieb.

Komplettprüfungen: Alles aus einer Hand

Das MPA NRW deckt bei der Prüfung von Wärmedämmstoffen das gesamte Spektrum von Materialien und Einsatzgebieten ab: Geprüft werden ebene, rohrförmige und lose Dämmstoffe für den Hochbau, für die industrielle Anwendung und für spezielle Applikationen. Das Prüflabor für Wärmeschutz kann auf nationaler und europäischer Ebene Einzel-, Überwachungs-, Zulassungs- sowie Erstprüfungen beziehungsweise „Initial Type Tests“ (ITT) durchführen.

Neben den Prüfungen zum Wärmeschutz bietet das MPA NRW im Brandprüfzentrum Erwitte alle Prüfungen zum Brandverhalten an Baustoffen sowie der Klassifizierung von Bauprodukten und Bauarten an. Das BPZ Erwitte ist weltweit eines der ersten Brandprüfinstitute mit einem zertifizierten Umweltmanagementsystem auf Grundlage der DIN EN ISO 14001.

 Der Beitrag ist auch in Ausgabe 1.2020 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Februar 2020) erschienen.

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