RM Rudolf Müller
Demontage von schadstoffbehafteter Isolierung

Abb. 1: Heizkraftwerk Würzburg (Bild: G+H/Jan Bosch)

Ausführung
14. Januar 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Demontage von schadstoffbehafteter Isolierung

Das Heizkraftwerk Würzburg hat aus betrieblichen Gründen den Kohlekessel 3 (Baujahr 1983) stillgelegt. Es  wurde die „Abisolierung“ dieses Kessels beauftragt mit der Randbedingung, dass der Stahlkörper des Kessels nicht beschädigt wird, damit er im Ganzen aus dem Betriebsbereich gekrant werden kann, um an einem anderen Ort neu genutzt werden zu können. Ein anspruchsvolles Unterfangen.

Von Heidi Burow-Strathoff und Reimund Fliehr.

Ausgangssituation

Man vermutete, dass die auf dem Stahlkörper aufgebrachte Mineralwolleisolierung thermisch beansprucht ist entsprechend TRGS 521, Definition 2.12 und darüber hinaus asbesthaltige Dämmstoffe mit den Abmessungen 30 mm × 30 mm × 3 mm (weit verbreitet unter dem Produktnamen „Klingerit“) bei der Herstellung der thermischen Trennung des Stahlkessels zu der Dämmkonstruktion aus Mineralwolle mit abschließender Blechumhüllung verbaut worden sind.

Die Kessel I und II wurden bereits 2003 und 2007 von der Fa. G+H abisoliert und so erhielt G+H Würzburg den Anschlussauftrag für diese komplexe, anspruchsvolle Arbeit. Anspruchsvoll waren auch die Vorgaben des Auftraggebers, dass die Arbeiten in einem sehr engen Zeitfenster von 10 Wochen abgeschlossen sein sollten.

Zahlen, Daten, Fakten

Die erste Anfrage wurde Ende Januar 2019 gestellt, Auftragserteilung und Beginn der Arbeiten erfolgten am 01.04.2019. Der Auftrag wurde termingerecht am 07.06.2019 abgeschlossen. Die übergreifende Projektleitung erfolgte durch Reimund Fliehr, langjährig erfahrener Isoliermeister und stellvertretender Niederlassungsleiter von G+H in Würzburg. In den 10 Wochen wurden von insgesamt 16 Fachkräften ca. 4.600 m² Mineralwolleisolierung demontiert.

58 t thermisch beanspruchte Mineralwolle sowie 200 kg asbesthaltige Dämmstoffe mussten entsorgt worden. 45 t Stahlblechverkleidungen sind demontiert und abtransportiert worden.

Demontage von schadstoffbehafteter Isolierung

Abb. 2: Thermisch beanspruchte Mineralfaser (Bild: G+H)

Die Schadstoffentsorgung: rechtlicher Hintergrund

Der Umgang mit Schadstoffen ist in Deutschland durch verschiedene Arbeitsschutzvorschriften geregelt.

Konkret für das Projekt waren dies die

  • TRGS 521 Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten mit alter Mineralwolle,
  • TRGS 519 Asbest: Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten,
  • DGUV-Information 201-012 Verfahren mit geringer Exposition gegenüber Asbest bei Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten.

In der TRGS 519 steht, wie der Vorgang der Asbestentfernung und Asbestentsorgung abzulaufen hat. Es ist klar festgehalten, welche Personen für welche Arbeitsschritte zuständig sind – Einzel- bzw. Privatpersonen wird ausdrücklich verboten, schwach gebundenes Asbest zu reinigen oder zu entsorgen. Ein Verstoß gegen das TRGS 519 zieht Geldstrafen nach sich.

Abbruch- und Sanierungsarbeiten an schwach gebundenen Asbestprodukten dürfen nur von Fachbetrieben durchgeführt werden, die von der zuständigen Behörde zur Durchführung dieser Arbeiten zugelassen worden sind. Auf der Baustelle muss ständig ein „sachkundiger Mitarbeiter“ vor Ort sein. Der Nachweis über die Sachkunde muss vom Unternehmen geführt werden.

Durch Laboruntersuchungen der zu entsorgenden Unterkonstruktion wurde bei den thermischen Trennplättchen Asbest nachgewiesen.

Bei der Asbestentsorgung ist grundsätzlich die Einrichtung eines Sanierungsbereiches erforderlich und umfangreiche Arbeitsschutzmaßnahmen sind vorzunehmen. Unter anderem ist eine Beurteilung der Gefährdung durchzuführen, eine Betriebsanweisung und ein Arbeitsplan sind zu erstellen. Ist Asbest in „geringer Exposition“ vorhanden, so sind Erleichterungen nach o.a. DGUV-Information zulässig. Ein separater Schwarzbereich (Sanierungsbereich, in dem asbesthaltige Schadstoffe vorhanden sind) mit Unterdruckhaltung muss nicht zwangsläufig eingerichtet werden.

Das Arbeitsverfahren ist so zu gestalten, dass Asbestfasern nicht frei werden und die Ausbreitung von Asbeststaub verhindert wird, soweit dies nach dem Stand der Technik möglich ist. Als Atemschutz ist das Tragen von Halbmasken mit P2-Filter für länger andauernde Tätigkeiten der PSA ohne Fremdbelüftung erlaubt. Den Beschäftigten sind geeignete Schutzanzüge zur Verfügung zu stellen und von diesen zu tragen. Geeignet sind Schutzanzüge der Kategorie III, mindestens Typ 5-6. Diese Erleichterungen konnten also angewendet werden.

Auf Wunsch des Auftraggebers und zum Schutz der Mitarbeiter wurde dennoch ein Sanierungsbereich mit Unterdruckhaltung eingerichtet.

Die Laboruntersuchung der großflächig montierten Mineralwolle ergab, dass diese thermisch beansprucht, aber asbestfrei war. Demontage und Entsorgung hatte nach TRGS 521 zu erfolgen.

Demontage von schadstoffbehafteter Isolierung

Abb. 3: Geöffnete Kesseldecke mit Abtrennung Sanierungsbereich (Bild: G+H)

Projektablauf und Besonderheiten

Da die Schadstoffe schon vorab erwartet wurden, wurden frühzeitig Proben zur Schadstoffbestimmung entnommen. Die Vorgehensweise wurde mit allen Beteiligten, wie Gewerbeaufsichtsamt, der Stadt Würzburg, dem Betreiber und der Fa. G+H abgestimmt. Nachdem die zu treffenden Arbeitsschutzmaßnahmen klar waren, wurden 7 Tage vor Beginn der Arbeiten durch die beauftragte Firma bei dem staatlichen Gewerbeaufsichtsamt die geplanten Aktivitäten angezeigt.

Hier sind eindeutig Schadstoffe, Entsorgungsmengen, Abfallbehandlung, Verantwortungen, Ablaufplan, Arbeitsschutzmaßnahmen aufzuführen. Konkret wurde für die Mineralwolle festgelegt, dass sie demontiert, luftdicht verpackt und gekennzeichnet wird. Die asbesthaltigen Abstandshalter sollen emissionsarm demontiert, zerlegt, luftdicht verpackt und gekennzeichnet werden. Durch Einsprühen der asbesthaltigen Abstandshalter vor der mechanischen Trennung ist eine Restfaserbindung herzustellen. Bei der Demontage sind atmungsaktive Schutzanzüge und FFP3-Masken zu tragen. Die konkreten Arbeiten erfolgten durch eine engmaschige Abstimmung der Beteiligten. Es wurden 45 Tonnen Stahlblech entfernt, bevor die Abisolierung begann.

Die Demontage der schadstoffbelasteten Dämmstoffe erfolgte zügig, obwohl durch die Atemschutzmasken der persönlichen Schutzausrüstung erschwerte Arbeitsbedingungen vorlagen. Ein Antriebsmoment für alle Beteiligten war, dabei zu sein, wenn der „nackte“ rostbraune Kessel nach über 35 Jahren Einsatz seine letzte Reise antritt. Der Kessel mit tonnenschweren Seitenwänden, wurde mit Fingerspitzengefühl nach und nach aus dem „Kraftwerksbauch“ gezogen. Die 28 Tonnen schwere Trommel der Kohleheizanlage wurde mit einem Kran entfernt. Sie schaffte Platz für einen neuen Wärmespeicher, der 2020 eingebaut werden soll. Das ist Teil der generellen Modernisierung des Heizkraftwerks.

Demontage von schadstoffbehafteter Isolierung

Abb. 4: Kesselabtransport (Bild; G+H)

Fazit

Die Demontage schadstoffbehafteter Dämmstoffe aus Kraftwerksanlagen erfordert großes Fachwissen durch das Entsorgungsunternehmen. Es müssen nicht nur die technischen Voraussetzungen bestehen; ein hohes Detailwissen über den rechtlichen Hintergrund und die zu treffenden Arbeitsschutzmaßnahmen müssen vorhanden sein. Um einen reibungsfreien Ablauf sicher zu stellen, sollten frühzeitig die Behörden einbezogen werden. Dieses Projekt zeigt, dass auch in Deutschland eine effiziente, zielorientierte Zusammenarbeit verschiedener beteiligter Firmen, Behörden möglich ist.


Autoren

Dipl.-Ing. (FH) Heidi Burow-Strathoff: Brandschutzsachverständige bei G+H ­ISOLIERUNG, Engineering Services.
Heidi.Burow-Strathoff@GuH-Gruppe.de

Reimund Fliehr: Projektleiter und stellv. Niederlassungsleiter bei G+H Isolierung WKSB-Meister, Brandschutzfachkraft, Strahlenschutzbeauftragter

 
Der Beitrag ist auch in Ausgabe 3.2019 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (November 2019) erschienen.

Interessieren Sie sich für weitere Artikel?
Dann testen Sie die Fachzeitschrift unverbindlich im Probeabo mit zwei kostenlosen Ausgaben!

Digitale Ausgabe lesen?
Die komplette Ausgabe gibt es auch als pdf zum kostenlosen Download

 
Nach oben
nach oben