RM Rudolf Müller

Die TBI-App im Einsatz in einem Kraftwerk bei Frankfurt (rechts: Technischer Direktor der EiiF Luis Lopez Brunner). (Foto: EiiF)

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23. Juli 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Die Welt der Technischen Isolierung muss nachhaltig werden

Nachhaltigkeit ist angesichts der Klimaerwärmung und des menschengemachten Artensterbens das Gebot der Stunde für eine verantwortungsvoll handelnde Industrie. Das betrifft neben der Materialfrage sämtliche Bereiche von Ressourcen- und Energieeffizienz bis hin zu Mitarbeiterführung und -schulung. Ein kurzes Positionspapier.

Von Andreas Gürtler. Die EiiF (European Industrial Insulation Foundation) arbeitet seit zehn Jahren in Zusammenarbeit mit mittlerweile mehr als 60 führenden industriellen und international agierenden Dämmunternehmen mit einem starken Fokus auf Energieeffizienz an diesen herausfordernden Fragen unserer Gegenwart und Zukunft. Ziel unserer gemeinnützigen Stiftung ist es, die Potenziale technischer Dämmungen voll auszunutzen, nachhaltige Dämmprojekte zu initiieren und somit auch die CO2 -Emissionen in der Industrie zu reduzieren.

Mit ihrem Stiftungszweck tut die EiiF das mit und auch für die Branche der technischen und industriellen Isolierung, die sich wie auch ihre größten Auftraggeber (z. B. Energieversorger) auf die neuen Anforderungen und grundsätzlich veränderten Bedingungen einstellen muss und sich damit derzeit noch ziemlich schwertut. In Deutschland wie in Europa sind große Neubauaufträge rückläufig.

Dafür steigt aber die Nachfrage nach Instandhaltungsarbeiten und fachkundigen Beratungen zum Beispiel zum drängenden Thema Energieeffizienz ganz allgemein, aber auch konkret nach energieeffizienten Dämmsystemen. Auf politischer Ebene tut sich auch in Europa dazu einiges.

Offener Brief an Jean-Claude Juncker

Engagiert in der Frage der Nachhaltigkeit, wandte sich die EiiF beispielsweise mit einem offenen Brief, gemeinsam mit einer Vielzahl von europäischen (Industrie-)unternehmen und Initiativen, vor der im März 2019 tagenden Sitzung des Europäischen Rates an den Präsidenten der EU-Kommission Jean-Claude Juncker. Darin bat die gemeinsame Initiative die EU darum, ehrgeizig an der bereits im November 2018 von der EU-Kommission verfassten Forderung der Klimaneutralität bis 2050 festzuhalten und diese weiter voranzutreiben und europaweit umzusetzen.

Als EiiF wissen wir, insbesondere durch unsere regelmäßigen TIPCHECK-­Energie-Audits in bisher mehr als 300 Industrieanlagen, dass es große und wirtschaftlich zu realisierende Energeieeinsparpotenziale in der Industrie gibt und dass praktisch in jeder Industrieanlage von der Brauerei über das Kraftwerk bis hin zur Chemieanlage diese Dämmeinsparungspotenziale übersehen werden. Für die meisten ist Dämmung ein notwendiges Übel und weit entfernt davon, als eine Beste Verfügbare Technik für Energieeffizienz konsequent eingesetzt zu werden.

Richtlinien würden steuern und Einsparungen erwirken

Während es im Gebäudebereich die EnEv gibt und bald das GEG (GebäudeEnergieGesetz), gibt in der Industrie einzig der Anlagenbetreiber die Dämmspezifikation vor. Effizienzrichtlinien oder Gesetze gibt es schlicht nicht und auch keine Mindeststandards. Mit der VDI 4610 versuchen wir, wenigstens mit einer quasi brancheneigenen Richtlinie das Thema „Energieeffiziente Dämmung“ zu puschen.

CO²-frei auch bei Großanlagen nötig

Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklung wäre es aus unserer Sicht wünschenswert, wenn es im Zuge des GEG und mit dem Ansinnen der EU-Kommissare, Europa bis 2050 CO2-frei zu gestalten, auch Neuerungen im EU-Recht und entsprechend Mindestanforderungen für technische Isolierungen in Großanlagen geben würde.

Wie oben kurz beschrieben, bietet die EiiF mit ihrem TIPCHECK-Programm bereits seit Jahren ein standardisiertes Prüfsystem gemäß EN 16247 und ISO 50002 an, das die Bewertung der Leistung von industriellen Isoliersystemen und deren Einsparpotenzial in den Mittelpunkt der Analyse rückt und entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung vorschlägt. Die Amortisationszeiten für diese Maßnahmen liegen bei ungedämmten oder deutlich beschädigten Bauteilen bei durchschnittlich nur zwei Jahren, oft sind es sogar nur Monate. In Frankreich, den Niederlanden und auch mit dem deutschen Förderprogramm der BAFA hat die EiiF zwar Anreize für energieeffiziente Dämmung mit ins Leben gerufen, es ist aber noch sehr viel Luft nach oben, und das ganze baut auf Freiwilligkeit. Eine zusätzliche Richtlinienstruktur, die Mindeststandards für die Effizienz von technischen Dämmsystemen verfügt, könnte zweifelsohne noch deutlich mehr erreichen werden. Unserer Meinung nach würden die Anlagenbetreiber davon dank der reduzierten Produktionskosten aufgrund der Energieeinsparungen am meisten profitieren. Wir würden sie quasi politisch zu ihrem Glück zwingen.

TBI – eine App für alle

Über das TIPCHECK-Engagement hinaus hat die EiiF die jetzt verfügbare TIPCHECK-basierte Anwendung für Tablets und Smartphones (Android/iOs) TBI-App entwickelt.

Sie kann genutzt werden, um die Qualität des vorhandenen Isoliersystems einer Produktionslinie oder an Anlagenbauteilen oder ähnlichem abzuschätzen. Die TBI-App (englischsprachig) kann im Google Play- oder im Applestore heruntergeladen werden. Sie vereinfacht die Erhebung der notwendigen Daten, erstellt Reportings und schätzt schnell und unkompliziert das mögliche Einsparpotenzial von Isolierungen ab. Zur Verwendung der TBI-App bedarf es keiner Dämmkenntnisse, sodass sie im Prinzip von jedem verwendet werden kann.

Nicht nur Isolierer, sondern auch Mitarbeiter von Produktionsanlagen können und sollen die App nutzen und mögliche Potenziale aufspüren.

Besonders interessant ist sie auch für Energieauditoren und Energiemanager. Neben der Einschätzung bietet die App auch eine Validierungsfunktion. So können nach erfolgter Dämmmaßnahme die Energieeinsparungen nachgewiesen und für eine eventuell notwendige Zertifizierung gemäß ISO 50001 (Energiemanagement Standard) angeführt werden.

Denn die überarbeitete ISO verpflichtet nicht nur zur Identifizierung von Einsparpotenzialen, sondern auch zum Nachweis der Realisierbarkeit.

Thermografieaufnahmen illustrieren die Wärmeverluste von ungedämmten Bauteilen. (Fotos: EiiF)

Die Armeen ändern sich

Neben der Entwicklung, dass europaweit in Zukunft immer weniger Großanlagen wie Kraftwerke oder Raffinerien gebaut werden, die Bestandsanlagen aber in weiten Teilen umfangreich saniert werden sollten und müssen, spielt das Thema Mitarbeiterqualifikation eine entscheidende Rolle. Denn nur der fachkundige Isolierer kann auch energieeffizient beraten.

Vor diesem Hintergrund bedeutet das Wort Nachhaltigkeit noch viel mehr, als nur über die Lebenszeit einer Anlage hinaus energieeffiziente Berechnungen für Dämmsysteme anzustellen und Dämmung zu installieren. Der Facharbeitermangel ist eines der drängendsten Probleme der Branche. Während Neubauten und große Stopps von Anlagen von ganzen Armeen, bestehend zum Großteil aus Mitarbeitern mit geringer Qualifikation, isoliert werden, muss ein TIPCHECKer oder Isolierer, der eine entsprechend nachhaltige Lösung anbieten möchte, deutlich mehr verstehen als nur die Spezifikation seines Kunden. Nicht selten ist er heute im eigenen Unternehmen noch ein „Einzelkämpfer“.

Nachhaltige Kommunikation ist wichtig

Neben technischem Wissen gehören deshalb eine fachlich gute Kommunikation und ein umfassender Überblick über mehr als nur die Standardisolierlösung dazu. Aber es geht dabei auch nicht nur um den Isolierer. Wir wollen auch in die Universitäten gehen und dort Seminare bzw. Seminarunterlagen anbieten, damit zukünftige Anlagenplaner und Ingenieure mit unserem Thema schon während des Studiums in Berührung kommen und hoffentlich später im Betrieb daran denken, dass effizientes Dämmen über die Laufzeit der Anlage vor allem deshalb nachhaltig ist, weil es für den Betrieb die langfristig günstigste und für Klima und Umwelt und damit uns alle gleichzeitig die beste Lösung ist.

Unsere Branche und wir stehen vor den oben beschriebenen großen Herausforderungen. Wir müssen den notwendigen Wandel annehmen und im besten Fall mitgestalten. Weitermachen wie die letzten fünfzig Jahre wird nicht erfolgreich sein. Insgesamt hoffen wir sehr, dass die Branche die Herausforderungen der Energiewende annimmt und zukünftig verstärkt auf Qualifizierung und Qualität und das überzeugende Argument der Nachhaltigkeit und Energieeffizienz setzt, denn da haben wir noch viel zu bieten.


Autor

Andreas Gürtler: Stiftungsdirektor EiiF, Generalsekretär FESI mit Sitz in Gland bei Genf, Schweiz
andreas.guertler@eiif.org

Der Beitrag ist in Ausgabe 1.2019 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Mai 2019) erschienen.
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