RM Rudolf Müller

Abb. 1: Zur Verminderung der Energieverluste und Verhinderung von Tauwasser müssen auf kältetechnischen Anlagen unbedingt größere als die im GEG geforderte Dämmdicke von 6 mm eingesetzt werden, sagt Dipl.-Ing. Michaela Störkmann. (Alle Abbildungen: Armacell)

Recht + Regeln
18. Februar 2021 | Artikel teilen Artikel teilen

Was bedeutet das GEG für die Isoliertechnik?

Interview mit Dipl.-Ing. Michaela Störkmann, Armacell Technical Manager EMEA
Zum 01.11.2020 ist das Gebäudeenergiegesetz in Kraft getreten, das den Klimaschutz und die Energieeffizienz in Gebäuden voranbringen soll. Für die Isoliertechnik bringt das Regelwerk allerdings wenig Neues. So wurden etwa die Anforderungen für kälte- und klimatechnische Anlagen nicht verschärft, sondern viel zu niedrige Standards lediglich fortgeschrieben, meint Dipl-Ing. Michaela Störkmann.

 

Frau Störkmann, was müssen Planer und Isolierbetriebe seit November beachten?

Wirft man einen Blick in das Gebäudeenergiegesetz, kurz GEG, wird deutlich, dass die Vorgaben aus der Energieeinsparverordnung (EnEV) weitestgehend übernommen wurden. Wenngleich man die Tabelle 1 aus der Anlage 5 der EnEV vergeblich sucht, wurden die Anforderungen in der Anlage 8 zu §§ 69, 70 und 71 Absatz 1 des GEG dennoch genauso übernommen. Die Darstellung ist allerdings nicht so übersichtlich wie in der EnEV. In Tabelle 1 werden die Anforderungen an die Wärmedämmung von Rohrleitungen und Armaturen (Dämmschichtdicken) in Abhängigkeit des Rohrinnendurchmessers gezeigt. Daraus ergeben sich die bekannten Anwendungsbereiche: 100 %-Dämmung (1aa – dd), 50 %-Dämmung (1ee und ff), Rohrdämmung im Fußbodenaufbau (1gg), Rohrdämmung ohne Anforderung (1b), 200 %-Dämmung für direkt an Außenluft angrenzend verlegte Rohrleitungen (1hh) und Dämmung von Kälteverteilungs- und Kaltwasserleitungen sowie Armaturen von Raumlufttechnik- und Klimakältesystemen (2). In den Tabellen 2 bis 4 werden – getrennt nach Heizungs- und Warmwasserleitungen sowie Kälteverteilungs- und Kaltwasserleitungen – die nach dem GEG geforderten Dämmschichtdicken für verschiedene Einbausituationen dargestellt.

 

Tabelle 1 (Quelle: Armacell)

Alle Tabellen zum Download:

(Quelle: Armacell)

 

Was ist darüber hinaus wichtig zu wissen?

Wie schon die EnEV regelt das Gebäudeenergiegesetz nur die Dämmung von Heizungs- und Warmwasserleitungen sowie Kälteverteilungs- und Kaltwasserleitungen von Raumlufttechnik- und Klimakältesystemen. Trinkwasserleitungen (kalt) fallen nicht darunter. Das beutet: Sofern kein Legionellenrisiko durch eine Erwärmung des Kaltwassers besteht, sind die Dämmanforderungen nach DIN 1988-200 ausreichend. Um das Risiko für ­Legionellenbildung zu minimieren, werden ­jedoch die Dämmdicken gemäß Anlage 8 des GEG in Verbindung mit DVGW W 551 und DVGW W 553 empfohlen. Im GEG wird außerdem gefordert, dass ­Armaturen, Bögen, Abzweige, T-Stücke und Rohrhalterungen, die zu Wärmeverteilungs- und Warmwasseranlagen zählen, ebenfalls ­gedämmt werden müssen. Passiert das nicht, entstehen hohe Energieverluste. Gleiches gilt für Rohrleitungen und Armaturen in unbeheizten Räumen. Wenn mit einer verstärkten Dämmung zur Kaltseite die gleiche Dämmwirkung wie bei einer konzentrischen Ausführung („Rundum-Dämmung gleicher Dicke“) erreicht werden kann, können auch exzentrische bzw. asymmetrische Rohrdämmungen, sprich Dämmhülsen, eingebaut werden. Die Gleichwertigkeit exzentrischer Dämmungen ist vom Hersteller nachzuweisen. Nach der ersten Vorlage des Gebäudeenergiegesetzes im Bundestag im Jahr 2017 sah es zunächst so aus, als würden die Vorgaben aus der EnEV nicht übernommen werden.

Was ist dann passiert?

Nach dem ersten Referentenentwurf sollten alle im Gebäude verlegten Rohrleitungen einen längenbezogenen Wärmedurchgangskoeffizienten von 0,25 W/(m∙K) im Mittel nicht überschreiten. Wie die Fördergemeinschaft Dämmtechnik im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) in einem Positionspapier zu diesem Entwurf feststellte, hätte diese neue energetische Anforderung im Vergleich zur EnEV 2014 jedoch eine Verschlechterung um rund 50 % innerhalb und 70 % außerhalb der thermischen Gebäudehülle bedeutet. Nach Einschätzung des Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) hätte das GEG nach dem ersten Entwurf außerdem zu einem hohen Planungsaufwand geführt und wäre für kleinere Bauvorhaben unrealistisch und die Umsetzung vor Ort kaum kontrollierbar gewesen.

Der ZVSHK forderte daher, die Tabelle mit Dämmstoffdicken aus der Anlage 5 der EnEV zu übernehmen. Bei Rohrdämmungen aus Schaumkunststoffen ist aus produktions- und verarbeitungstechnischer Sicht ein Maximum erreicht und bei Faserdämmstoffen würde eine Verschärfung zu deutlichen Mehrkosten führen, so die damalige Einschätzung des ZVSHK. Diesen Empfehlungen der Verbände ist der Gesetzgeber schließlich auch gefolgt.

Was muss bei der Dämmung von Solarleitungen beachtet werden?

Für direkt an Außenluft angrenzend verlegte Rohrleitungen fordert das Gesetz eine
200 %-Dämmung. Darunter fallen auch Solarleitungen. Damit wurden die Einwände des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima, bei der Festlegung der Dämmschichtdicke die Realisierbarkeit beim Anschluss von Sonnenkollektoren zu berücksichtigen, missachtet. Eine 200 %-Dämmung ist im Anschluss- und Durchführungsbereich von Solarleitungen laut ZVSHK nicht einzuhalten. In der Tat werden vorgedämmte Solarleitungen heute mit einer maximalen Dämmschichtdicke von 100 % angeboten, wie beispielsweise unser Produkt ArmaFlex DuoSolar e-Save.

Müssen bestehende Solaranlagen jetzt nachträglich neu gedämmt werden?

Nach dem GEG bleibt der Eigentümer bei fehlender Wirtschaftlichkeit von der Pflicht zur nachträglichen Dämmung befreit, ohne dass eine behördliche Prüfung nach § 101 erforderlich ist. Vorausgesetzt jedoch, dass die Anforderungen im Einzelfall wegen besonderer Umstände durch einen unangemessenen Aufwand oder in sonstiger Weise zu einer unbilligen Härte führen. Diese liegt nach § 102 insbesondere vor, „wenn die erforderlichen Aufwendungen innerhalb der üblichen Nutzungsdauer, bei Anforderungen an bestehende Gebäude innerhalb angemessener Frist durch die eintretenden Einsparungen nicht erwirtschaftet werden können.“

Wurde das Dämmniveau für kälte- und klimatechnische Anlagen verschärft?

Nachdem mit der EnEV 2007 erstmals die Klimatechnik berücksichtigt und die Anforderungen in der EnEV 2009 konkretisiert wurden, fordern Unternehmen und Fachgremien eine Erhöhung der geforderten Dämmschichtdicke für Kälteverteilungsleitungen. Wir bei Armacell hatten bereits 2009 festgestellt, dass eine Isolierstärke von 6 mm weder zur Verminderung der Energieverluste noch zur Vermeidung von Tauwasser ausreicht. Grundlage für die Berechnung optimaler Dämmstärken bietet die VDI 2055, Blatt 1 „Wärme- und Kälteschutz von betriebstechnischen Anlagen in der Industrie und in der Technischen Gebäudeausrüstung“. Im Vergleich zur Heizung und Warmwasserbereitung verlangt die Erzeugung tiefer Temperaturen in kältetechnischen Anlagen einen bedeutend höheren Energie- und Kostenaufwand. Daher machen sich die etwas höheren Investitionskosten für ein höheres Dämmniveau in diesem Anwendungsbereich sehr schnell bezahlt.

Auch die Forderung der Fördergemeinschaft Dämmtechnik, Mindestdämmschichtdicken für Lüftungsanlagen im GEG zu definieren, wurde nicht berücksichtigt. Durch die zunehmende Klimatisierung von Wohn- und Nichtwohngebäuden entstehen auf un- oder nicht ausreichend gedämmten Luftkanälen erhebliche energetische Verluste im Leitungsverlauf. Die DIN 1946-6 nennt Dämmschichtdicken für Luftleitungen. Zur Vermeidung von Energieverlusten hätten die in der Tabelle 20 definierten Isolierstärken (Spalte „verbessert“) in das GEG eingeführt werden können.

Wie steht es mit der Dämmung von Wechseltemperaturanlagen?

Moderne Split-Klimageräte verfügen i.d.R. über eine Wärmepumpenschaltung, mit der sich das Gerät als energiesparende Zusatzheizung betreiben lässt. Wärmeverteilungsleitungen von Wechseltemperaturanlagen müssen nach § 69 des GEG nach den Anforderungen der Anlage 8 gedämmt werden. Auch Kälteverteilungs- und Kaltwasserleitungen von Klimaanlagen mit einer Nennleistung von mehr als 12 kW bzw. von raumlufttechnischen Anlagen, die für einen Volumenstrom der Zuluft von min. 4000 m³/h ausgelegt sind, müssen laut § 70 des GEG gedämmt werden. Die Dämmung muss theoretisch beiden Anforderungen gerecht werden und die Dämmschichtdicke ist somit der jeweils strengeren Anforderung gemäß auszulegen, i.d.R. der „Heizfall“. Da Klimaanlagen meist nur unterstützend zur Beheizung eingesetzt werden, kann die Dämmpflicht aber als wirtschaftliche Härte anerkannt und von der Umsetzung der strengeren Anforderungen im Einzelfall durch einen Befreiungsantrag abgesehen werden. Zur Berechnung der optimalen Dämmschichtdicke von Kälteverteilungs- und Kaltwasserleitungen sollte die VDI 2055, Blatt 1 „Wärme- und Kälteschutz von betriebstechnischen Anlagen in der Industrie und in der Technischen Gebäudeausrüstung“ herangezogen werden.

Was ist bei der Berechnung der Dämmschichtdicken für Kunststoffrohrleitungen zu beachten?

Auf Kunststoffrohren dürfen gemäß GEG die Wanddicken der Leitungen mit berücksichtigt werden. Dies führt aber bei allen Kunststoffrohrtypen nur zu geringfügig abweichenden Dämmstoffdicken. Daher sollten auch für Kunststoffrohre die durchmesserbezogenen Mindestdämmstärken der Tabellen 15 und 16 der DIN 4108, Teil 4 für Stahlrohre verwendet werden. Der Tabelle 5 kann man die auf unterschiedliche Werte der Wärmeleitfähigkeit bezogenen Dämmschichtdicken entnehmen.

Wovon hängt die Dämmschichtdicke ab?

Der zentrale bauphysikalische Kennwert zur Beurteilung von Dämmstoffen ist die Wärmeleitfähigkeit. Je niedriger dieser Wert, desto besser die Dämmwirkung eines Materials und desto geringer der Energieverlust. Da die Wärmeleitfähigkeit von Dämmmaterialien temperaturabhängig ist, verwendet man für Rohrdämmstoffe i.d.R. die Bezugstemperatur (Mitteltemperatur) von +40 °C. Dieser Bezugswert stellt mit guter Näherung einen Mittelwert von Heizungs- und Warmwasseranlagen dar. Im Bereich von Kaltwasser- und Kälteanlagen werden dagegen oft Bezugstemperaturen von 0 °C oder +10 °C verwendet. Die Anforderungen des GEG beziehen sich auf eine Wärmeleitfähigkeit von 0,035 W/(m² · K). Die korrekten Dämmschichtdicken für abweichende Werte der Wärmeleitfähigkeit lassen sich auf der Grundlage der VDI 2055, Blatt 1 errechnen. Einfacher ist es allerdings, die geforderten Dämmschichtdicken für Stahl- und Kupferrohre direkt aus den Tabellen 15 und 16 der DIN 4108-4:2013-02 zu entnehmen. Eine zusammenfassende Darstellung bietet die Tabelle 5.

Wie lautet Ihr Fazit?

Das GEG bringt keine wesentlichen Änderungen mit sich. Doch trotz vorgeschriebener Dämmpflicht werden leider noch immer zahlreiche Anlagen nicht oder nur unzureichend gedämmt. Das führt zu hohen Energieverlusten und immer wieder zu Beschwerden und gerichtlichen Auseinandersetzungen. Auch bei der Wärmebilanz eines Gebäudes wird die Dämmung von Rohrleitungen häufig nicht ausreichend oder nicht korrekt berücksichtigt. Nachdrücklich möchten wir darauf hinweisen, dass es sich bei den im GEG vorgeschriebenen Dämmschichtdicken um öffentlich-rechtliche Mindestanforderungen handelt, die eingehalten werden müssen. Der zwingend erforderliche, schonendere Umgang mit Energieressourcen rechtfertigt in vielen Anwendungen Dämmschichtdicken für Rohrleitungen und Armaturen, die über diese Mindestanforderungen hinausgehen. Die Dämmung von Rohrleitungen, Armaturen, Rohrschellen etc. amortisiert sich nach wenigen Monaten, wie mithilfe der VDI 2055 sehr einfach nachgewiesen werden kann.

Über das GEG

Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) wurde am 18.06.2020 vom Bundestag verabschiedet und ist am 01.11.2020 in Kraft getreten. Damit werden der Koalitionsvertrag, die Beschlüsse des Wohngipfels 2018 sowie die in den Eckpunkten für das Klimaschutzprogramm 2030 beschlossenen Maßnahmen in Bezug auf das Energieeinsparrecht für Gebäude umgesetzt. Das GEG ersetzt das Energieeinsparungsgesetz (EnEG), die Energieeinsparverordnung (EnEV) und das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) bzw. führt diese zusammen. Somit wurde ein einheitliches Regelwerk für die energetischen Anforderungen an Neubauten, Bestandsgebäude und an den Einsatz erneuerbarer Energien zur Wärme- und Kälteversorgung von Gebäuden geschaffen. Unter www.bmi.bund.de stellt das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) weiterführende Informationen zum GEG zur Verfügung.

 

Interviewpartnerin:
Dipl.-Ing. Michaela Störkmann, Armacell Technical Manager EMEA (Europe, Middle East & Africa). Sie ist Fachplanerin für gebäudetechnischen Brandschutz (EIPOS) und arbeitet in diversen Richtlinienausschüssen mit, z.B. VDI 2055, VDI 4610, etc.

 

 

 

Der Beitrag ist auch in Ausgabe 1.2021 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Febraur 2021) erschienen.

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