RM Rudolf Müller

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19. Februar 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Interview „Der Planer ist selten mit der Ausführung zufrieden“

Technische Isolierung 1-2020: Interview Günther Mertz

Die Lösung der Schnittstellenproblematik geht alle Gewerke in der Bauwirtschaft an. Sie ist fester Bestandteil der aktuellen Planerdebatte, auch hinsichtlich des BIM-Prozesses. TI sprach mit Günther Mertz über aktuelle Probleme und zukünftige Lösungen für die WKSB-Branche – lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews.
In Teil 2 des Interviews geht es um Problemfelder für Planer und Isolierer.

TI: Herr Mertz, worin liegt derzeit Ihr Hauptaugenmerk bei Ihrer Arbeit?

Günther Mertz: Wir versuchen, den Austausch mit dem Planer zu forcieren. Dazu machen wir auch verschiedene Veranstaltungen. Es gibt diesen schönen alten Spruch: „Der Planer ist der natürliche Feind des Anlagenbauers“. Dem müssen wir entgegenwirken, indem wir einfach die Kommunikation zwischen den beiden und den Vertretern der Gewerke verbessern.

TI: Können Sie das näher erläutern?

G. M.: Der Planer ist selten mit der Ausführung zufrieden und der Ausführende sagt, dass die Planungsunterlagen zu schlecht sind. Also gibt es an dem Punkt immer eine Schnittstelle, an der Fehler passieren können – egal ob Entwurf oder Ausführungsplanung. Viele unserer Unternehmen haben deshalb angefangen, eine eigene Planungskompetenz aufzubauen. Das kam selbstverständlich bei den Planern überhaupt nicht gut an. Aber wenn wir uns jetzt anschauen, wie sich die Gebäude verändern und der TGA-Anteil immer größer wird, brauchen wir zukünftig eine noch viel engere Zusammenarbeit in allen Bereichen zwischen Planung und Ausführung. Denn der TGA-Anteil ist in den vergangenen Jahren bis zu 50 Prozent, in den Shopping Malls sogar bis zu 60 Prozent, gestiegen.

TI: Wo sehen Sie die Schnittstelle zur Technischen Isolierung und in welchem Maße wird sie in der TGA-Welt berücksichtigt?

G. M.: Die technische Dämmung spielt in der Technischen Gebäudeausrüstung selbstverständlich eine enorm große Rolle und sie wird zukünftig noch größer werden. Besonders bei anspruchsvollen Gebäuden ist die technische Dämmung besonders wichtig. Denken wir mal in der oberen Spitze an die Elbphilharmonie in Hamburg. Wenn ich mir dort anschaue, wie die Luftkanäle gedämmt sind, dann ist das eine völlig andere Welt, die mit der normalen Dämm-Welt nichts zu tun hat.

Auch in Bezug auf die Energieeffizienz im Gebäude hat die Dämmung einen großen Stellenwert. Beispielsweise bei der Luftleitungsdämmung oder der Dämmung von kältemittelführenden Systemen. Auch bei wärmeführenden Systemen übernimmt die technische Isolierung oder technische Dämmung eine enorm große Rolle. Wir haben an der Stelle einen sehr engen Austausch zwischen dem Planer und dem ausführenden Gewerk – der Planer muss vorgeben, wie die Dämmung dort aussehen muss, welche Anforderungen an die Dämmung in Bezug auf Schallschutz oder Brandschutz bestehen. Dementsprechend müssen die Anlagenerrichter oder die Anlagenbauer die Dämm-Maßnahmen anpassen und vornehmen.

TI: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die technische Isolierung, sprich also die Dämmung innerhalb der technischen Gebäudeausrüstung, von den Planern wenig Aufmerksamkeit erhält. Sehen Sie das genauso?

G. M.: Nein, überhaupt nicht. Auf der politischen Ebene habe ich immer wieder darauf hingewiesen, dass wir mit einer schlechten Dämmung einen zu hohen Energieverlust erzeugen. Nehmen Sie beispielsweise ein normales, klassisches Bürogebäude mit angenommenen 100.000 m3 Luft pro Stunde. Mit einer schlechten Dämmung und somit einer schlechten Installation verliert man 10 % Energie. Damit bereiten wir 10.000 m3 Luft unnötig thermisch auf. Genau das schlägt sich am Ende auf die Energieeffizienz des Gebäudes nieder.
Und deshalb müssen wir hier dringend diesen hohen Anforderungen an die Dämmung gerecht werden. An der Stelle ist der Anlagenbauer stark gefordert, dass er die planerischen Vorgaben gekonnt umsetzt. Es kann selbstverständlich alles toll vorgegeben werden, wenn der Anlagenbauer aber die Dämm-Maßnahmen nicht richtig durchführt, dann kann die Planung leicht daneben gehen.

TI: Die Kommunikation zwischen TGA-Planern und sowohl den Handwerks-Isolierern als auch der Isolierbranche im Industriebereich soll traditionell trotzdem ein bisschen hakeln. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

G. M.: Mir ist nicht bewusst, dass es hier stark hakelt oder Probleme gibt. Wir wissen ja, dass das Thema Dämmung in der VOB über eine eigene ATV (Allgemeine Technische Vertragsbedingungen, Anm. d. Red.) verfügt. Das heißt, dass dort auch separat ausgeschrieben wird. Und insofern dürfte es eigentlich keine allzu großen Probleme geben, denn die Anforderungen an die Dämmung sind klar. Man muss im Vorfeld wissen, welche Anforderungen erfüllt werden müssen. Im Brandschutz, Schallschutz, Wärme- und Kältebereich müssen die vorgeschriebenen Maßnahmen durchgeführt werden. Die Problemzone liegt somit fast noch eher in dem Feld zwischen Anlagenbauer und Planer.

TI: Wie wollen Sie denn dagegen angehen und welche Konzepte haben Sie, um das aufzulösen?

G. M.: Wie immer hängt auch das in erster Linie von den Personen ab. Wir versuchen schon, durch die konsequente Anwendung der VOB und zukünftig vielleicht auch mit den BIM-Schritten, die Kommunikation zu vertiefen. Da sich bei BIM der gesamte Bauprozess nach vorne verschieben wird, heißt das, dass der Planer noch mehr im Fokus stehen wird, und damit auch die Übergabe an den Ausführenden.

Das klassische Anwendungs- und Betätigungsfeld unserer Mitglieder ist der sogenannte Komfortbereich, das heißt also alles, was Bürogebäude, Krankenhäuser oder auch Shopping Malls betrifft – aber auch der Industriebau. Denn dort haben sie es klar mit hohen inneren Lasten zu tun, mit anderen Gebäudehöhen, ganz anderen Volumina. Aber das hat dann mit der klassischen Gebäudetechnik nur noch bedingt zu tun.

TI: Welche Verbesserungen erwarten Sie durch BIM und welche Konzepte gibt es an der Stelle?

G. M.: Die Prozesse sind durch die klassischen Vorgänge mit der Entwurfs- oder Ausführungsplanung eigentlich schon lange vorgegeben. Leider werden sie qualitativ nicht immer eingehalten, sodass man die notwendige Stringenz tatsächlich am Bau manchmal vermisst.

Mit BIM wird die Welt sicherlich anders aussehen. Der Anlagenbauer hat heute, häufiger noch als früher, mit Änderungswünschen während des gesamten Bauprozesses zu tun. Ein klassisches Beispiel ist der „BER“, der Berliner Flughafen. Dort gab es bis zu 300 Änderungswünsche während des Ausführungsprozesses pro Tag. Kein Wunder, dass der Bau an der Stelle so in die Schlagzeilen gekommen ist.
Auch bei anderen Bundesbauten, z. B. bei Regierungsbauten in Berlin, haben wir diese Probleme. Oder nehmen Sie den „Tower 185“ in Frankfurt, neben dem Messeturm, da waren unten die Büros bezogen und es war noch nicht klar, wie oben die Nutzung aussieht. Sollen dort Wohnungen oder Büros oder vielleicht sogar ein Hotel entstehen?
Geplant wurde das von Anfang an aus Effizienz- und Kostengründen so. Man wollte den Rohbau schnell hochziehen und unten die Endmontage so rasch wie möglich fertigstellen, dass so schnell wie möglich die ersten Nutzer einziehen können, während oben noch gebaut wird.

TI: Was ändert die Anwendung von BIM bei der Ausführung?

G. M.: Wenn wir Probleme am Bau haben, dann basieren sie häufig auf den enormen Änderungswünschen während der Ausführungsphase. Und das ist natürlich der Punkt, den wir mit BIM überwinden können. Denn wenn das BIM-Modell fertig ist, dann war es das. Dann gibt es keine Änderung mehr. Dann sind alle Kollisionsprüfungen durchgeführt und dann wird nach diesem BIM-Modell gebaut.

Da gibt es keine Änderungswünsche mehr. Wenn wir das wirklich realisieren können, dann haben wir ganz viele Probleme nicht mehr. Das ist für mich eigentlich der wesentlichste Aspekt an BIM überhaupt: Wir bauen so, wie es geplant und genehmigt wurde.

Anders in der Planungsphase: Solange die verschiedenen Gewerke interdisziplinär an dem BIM-Modell arbeiten, können noch Änderungen vorgenommen werden. Dann kann auch sehr viel kostengünstiger geändert werden, weil das Programm die Kollisionsprüfungen selber durchführt. Aber wenn das BIM-Modell fertig ist, dann war es das. Dann gibt es in der Ausführung keine Änderung mehr. Dann wird nach diesem Modell in allen Gewerken gebaut.

TI: Heißt das, dass Nachbesserungsanträge zukünftig ausfallen?

G. M.: BIM ist nicht nur eine rein technische Angelegenheit. BIM ist auch eine Philosophie und die ist ein wesentlicher Bestandteil. Construction on Design, so lautet der Fachbegriff, der das Ganze beschreibt, hat zum Ziel, dass die Ausführung nur nach dem Bestandsplan umgesetzt wird.
Kann das mit BIM nicht gewährleistet werden, dann können zukünftig nur beschränkt Effizienzsteigerungen hervorgerufen werden. Denn wenn ich noch während der Ausführung Änderungen durchführe, wie wir es klassisch bei fast jedem Bau haben, erfordert das neue Planungsprozesse und neue Genehmigungs- und Ausführungsschritte.
Genau das macht das Bauen bei uns so teuer und ineffizient.

TI: Nachbesserungs- oder Änderungswünsche kommen doch immer vom Investor, oder nicht?

G.M.: Ja, aber auch der Investor muss ein Interesse daran haben, dass er ein Modell fertigstellt, nach dem gebaut wird. Alles andere ist zu teuer.

TI: Wie also wird sich BIM auf die technische Isolierung auswirken?

G. M.: In einem BIM-Modell sind alle Angaben zur Dämmung aufgeführt. Da weiß jeder genau, wie viel Dämm-Material man für die Kältemittel-Leitung braucht oder für den Behälter-Unterbau. Damit erhält derjenige, der die Dämm-Maßnahmen durchführt, viel exaktere Angaben. Er weiß dann genau, wie viel Material er braucht und er kennt die Leitungslängen, an denen sich dann nichts mehr verändert. Er weiß, welcher Schallschutz realisiert werden muss und so weiter.
Mit BIM wird die Realisierung der Dämm-Maßnahmen viel effizienter werden, weil die Vorgaben exakter sind. Das wird auch eine Herausforderung für den Isolierer werden. Dann kann nicht mehr hier und da gebastelt werden. Er muss sich an die Vorgaben halten. Aber das wird mit Sicherheit zu enormen Effizienzsteigerungen beitragen.

TI: Das gilt für den Neubau. Wie verhält es sich bei Sanierungsarbeiten im Bestandsbau?

G. M.: Ich habe mal ein bemerkenswertes Beispiel gesehen. In Finnland fand eine Begehung eines Rohbaus statt. Da kam dem Beton-Planer eine Säule etwas komisch vor. Er hat sie abfotografiert und an das Planungsbüro geschickt. Das System hat diese Säule mit dem BIM-Modell verglichen und Unstimmigkeiten festgestellt. Dann ging dieses Bild sofort per E-Mail an den Beton-Bauer, der nachprüfen konnte. So schnell geht das. Das ist BIM.

TI: Sowohl die Planer als auch die Isolierer haben Angst vor BIM, weil sie Angst um ihre Arbeitsplätze haben. Wie sehen Sie das?

G. M.: Das darf man sicherlich nicht verallgemeinern, aber es gab in der Tat Fälle, wo der Planer maßgebliche Planungsaufgaben dem Anlagenbau überlassen hat. Der Planer hat seine Entwurfsplanung gemacht. Alle waren glücklich. Dann hat er die weiteren Schritte dem Anlagenbauer überlassen. Allein das hat schon zu Verstimmungen geführt. Der Streit ging am Schluss los, bei der Abnahme.
Kein Wunder, dass heutzutage mehr Rechtsanwälte als Poliere auf der Baustelle sind. An diesen Stellen brauchen wir einfach den engeren Dialog, aber auch die klarere Abgrenzung. Wo liegen die Zuständigkeitsbereiche und die Verantwortungen? Auf dem Papier bestehen sie, aber wir müssen sie in der Praxis noch stärker umsetzen.

TI: Herr Mertz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

In Teil 2 des Interviews geht es um Problemfelder für Planer und Isolierer.


Zum Interviewpartner:

Günther Mertz M.A.: Geschäftsführer von drei Fachverbänden: Fachverband Gebäude-Klima e. V. (FGK), Herstellerverband Raumlufttechnische Geräte e. V. und Bundesindustrieverband Technische Gebäudeausrüstung e. V. (BTGA).


Das Interviews erscheint auch in Ausgabe 1.2020 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Februar 2020).

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