RM Rudolf Müller

Abb. 1: Peter Hoedemaker ist schon 23 Jahre in der Dämmstoffwelt zuhause (Foto: Schwartmanns)

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09. Juni 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Interview mit Peter Hoedemaker: „Als Dämmbranche können und müssen wir unseren Beitrag zum Klimawandel leisten“

Dem Holländer Peter Hoedemaker gelang es maßgeblich, ein deutsches Isolierunternehmen zum Weltmarktführer zu machen. Auch, weil die Technische Isolierung politisch und wirtschaftlich immer wichtiger wird. TI sprach mit ihm über seine Karriere und die aktuellen Herausforderungen der Branche.

TI: Herr Hoedemaker, Sie gehören als ehemaliger Vorsitzender der Geschäftsführung des Bremer Traditionsunternehmens und Weltmarktführers „KAEFER“ mit zu den „Urgesteinen“ der Branche der Technischen Isolierung. Ursprünglich kommen Sie aber über das holländische Militär aus der Wirtschaft. Wie sind Sie in den Dämmstoffmarkt gekommen?

Peter Hoedemaker (PH): 1996 arbeitete ich als Geschäftsführer in einer Tochtergesellschaft der GEA AG. Mein ehemaliger Chef, Norbert Schmelzle, ein Vorstand der GEA AG, der kurz zuvor als Vorsitzender der Geschäftsführung zu KAEFER gewechselt war, fragte mich, ob ich ihm zu KAEFER folgen würde, da er einen Geschäftsführer, auf den er sich voll und ganz verlassen konnte, zum Ausbau des internationalen Geschäfts suchte. Der Wechsel in diese Branche war sozusagen ein Zufall.

TI: Was hat Sie davon überzeugt, dass der Dämmstoffbereich der Bereich ist, in dem Sie sich engagieren möchten?

PH: Damals war die Branche sehr national organisiert und es gab fast keine international tätigen Unternehmen. Es hat mich gereizt, das große vorhandene Potential auszuschöpfen. Konkret die guten technischen Kenntnisse und Referenzen, die in Deutschland, in diesem Fall bei KAEFER, vorhanden waren, erfolgreich in die Welt zu exportieren und Wissenstransfer zu bestehenden, lokalen Unternehmen zu betreiben.  Es war eine bewusste Entscheidung, dies über Ausbildung und Wissenstransfer zu tun und nicht durch die Entsendung von Expats. „Think global – act local“ war einer unserer Leitgedanken.

Das erste Beispiel war Asbestentsorgung. Nach der Übernahme der Firma WANNER in Frankreich wurde ein Auftrag zur Asbestentsorgung im Centre Georges Pompidou in Paris ausgeführt. Die Erfahrungen aus Deutschland konnten mittels personeller Unterstützung und Wissenstransfer einfließen. Weitere Beispiele sind Isolierarbeiten an LNG Anlagen, Kernkraftwerken oder im Schiffsausbau auf allen Kontinenten. Über die Jahre konnten wir unsere Vision Schritt für Schritt umsetzen und KAEFER, damals die Nummer 4 in Deutschland, zu einem Weltmarktführer entwickeln.

TI: Insgesamt waren Sie bis zum Dezember 2016 19 Jahre in dem Unternehmen. Wie hat sich in dieser Zeit die Branche verändert?

PH: Durch die Globalisierung fand eine Konzentration der Firmen statt und es haben sich neben einer Vielzahl von kleinen nationalen Unternehmen einzelne Unternehmen, wie KAEFER, zu internationalen Main-Player entwickelt.

Der permanente Druck zur Effizienzsteigerung hat zur Weiterentwicklung der Branche geführt. In den letzten Jahren hat hierzu u.a. auch der erhebliche Absturz des Ölpreises beigetragen, der bei den großen Unternehmen bis zu 50 % Basis für Projektentscheidungen war.

TI: Können Sie sich noch erinnern, welchen Eindruck und welche Vorstellung Sie damals von einem Isolierer hatten?

PH: Da ich bis dahin mehr Erfahrungen in Produktionsunternehmen gesammelt hatte, war ich gespannt zu erleben, wie in dieser Branche gearbeitet wird. Ich hatte großen Respekt vor den Mitarbeitern, die bei Wind und Wetter auf Baustellen oder unter herausfordernden Bedingungen auf Industrieanlagen oder in Kernkraftwerken tätig waren.

TI: Das Bild des Isolierers hat sich in den Jahren sicher verändert. Wie sieht der Idealtypische heute aus?

PH: Ein Isolierer ist für mich ein Fachmann für Energieeinsparung und die Verringerung von Schadstoffemissionen, denn er sorgt für Wärme- und Kälteschutz. Komplettiert wird das Bild durch seine Aufgaben im Schallschutz und Brandschutz. Denn durch seine Arbeit in diesen Bereichen werden Gesundheitsschäden vermieden oder im Brandfall können Leben gerettet und Gebäudebeschädigungen reduziert werden.

Ein Isolierer muss heute hohe Erwartungen an Effizienz und Schnelligkeit bei der Ausübung seiner Arbeit erfüllen. Er nutzt mehr und mehr digitale oder andere hochwertigere Techniken, die teilweise zur Unterstützung eingesetzt werden, wie beispielsweise die Sensortechnik. Er ist mobil und kann bei Interesse international tätig sein.

TI: Gilt das auch für Isolierunternehmen?

PH: In der Dämmstoffentwicklung, in der in den letzten 50 Jahren nur bedingt Großes passiert ist, müsste ein gewaltiger technischer Fortschritt erfolgen, vergleichbar mit Batterien für Elektroautos.

TI: Würden Sie sagen, dass die Branche der Technischen Isolierung heute eine größere Wichtigkeit einnimmt als noch vor beispielsweise 20 Jahren?

PH: Ich würde sagen ja, aber diese Wichtigkeit ist erst in den letzten fünf Jahren entstanden, seit zum Umweltschutz noch eine verstärkte Aufmerksamkeit auf den Klimaschutz gerichtet wird.

Der große Sprung muss noch getan werden. Diesen sehe ich in den nächsten fünf bis zehn Jahren, wenn verbindliche EU-Richtlinien in den Ländern in vollem Umfang umgesetzt werden müssen.

TI: In Ihrer Branche sind seit Jahren vor allem zwei Themen virulent: Arbeitskräftemangel und die Frage nach der CO2-Neutralität. Wie schätzen Sie beide Themenbereiche ein?

PH: Der Arbeitskräftemangel ist in den verschiedenen Ländern oder Regionen unterschiedlich ausgeprägt. In Europa ist es ein Thema, weshalb auch seitens der Nationalverbände und der FESI versucht wird, mit Kampagnen gegenzusteuern – mehr oder weniger erfolgreich. In vielen europäischen Ländern hat die Anerkennung für handwerkliche Berufe die letzten Jahre eher gelitten, ich glaube aber, dass wir momentan an einem möglichen Wendepunkt sind und ein Revival in der Anerkennung dieser Fachberufe stattfinden könnte.

In der Gesellschaft hatte sich in den letzten Jahren der Wunsch verstärkt, dass jeder studieren könne und solle. Heute scheint der Weg zuerst ins Studium zu führen, im Gegensatz zu vor 70 Jahren als zuerst ein handwerklicher Beruf erlernt und anschließend studiert wurde.

Durch eine weitere Verbesserung der Attraktivität des Berufsbildes und eine leistungsgerechte Bezahlung und der Vermittlung, welche Chancen nach Abschluss der fachmännischen Ausbildung bestehen, könnte man dem Arbeitskräftemangel trotzen. Aber auch spannende Technik in das Berufsbild zu integrieren. Konkret heißt das, Chancen für die Übernahme von Führungsaufgaben zu schaffen, die Arbeit mit technologisch hochwertigen Arbeitsmitteln auszustatten und den Einsatz bei interessanten, vielleicht auch internationalen Projekten zu ermöglichen.

Die CO2-Neutralität ist eine Notwendigkeit für das Klima. Darin liegt für die Isolierbranche eine große Chance, einen positiven Beitrag zu leisten.

Abb. 2: P. Hoedemaker (rechts) ist heute ehrenamtlich Präsident der EiiF (European Industrial Isolation Foundation). Hier mit Programm-Managerin Nicole Fleischmann und Stiftungssekretär Andreas Gürtler auf dem EiiF-Jahrestreffen im Dezember 2019 (Foto: Schwartmanns)

TI: Auch das große Thema GEG (Gebäudeenergiegesetz) bestimmt seit einigen Jahren Ihre Branche. Was erhoffen Sie sich mit der Verabschiedung dieses Gesetzes?

PH: In erster Linie, dass durch die Zusammenfassung der verschiedenen Verordnungen und Regelungen größere Transparenz entsteht und Planung als auch die Genehmigung von Projekten schneller ablaufen können. Denn die Auflösung des Wirrwarrs an Regelungen kann das Arbeiten in der Branche sehr erleichtern. Aber momentan ist noch nicht abzusehen, wie groß der Einfluss des GEGs innerhalb Europas sein wird.

TI: Eine Art EnEV oder GEG für die Industrie gibt es noch nicht. Woran liegt es, Ihrer Meinung nach?

PH: Erstens an der großen wirtschaftlichen Bedeutung der Industrie und deren Lobbygruppen und zweitens an der Komplexität der Industrieanlagen. Beides bewegt die Behörden dazu Zurückhaltung zu üben und lediglich Appelle auszusprechen.

Dazu kommt noch die Drohung, dass jede Vorgabe für die Industrie sofort zu einem Nachteil im internationalen Wettbewerb führen würde. Der sogenannte „Green Deal“ muss dieses Mal auch die Industrie mit einbeziehen – nur gemeinsam können wir erfolgreich sein.

Beim „Green Deal“ geht es darum solche Vorgaben zu machen, die einerseits die CO2-Neutralität garantieren und andererseits die Industrie nicht in die Knie zwingt. Hierzu planen die EU und die nationalen Länder Ausgleichsmaßnahmen wie z.B. Fördergelder und Importzölle.

TI: Wie sähe für Sie der richtige Ansatz aus, dass auch die Industrie eine gewisse Nachhaltigkeit unter Beweis stellt?

PH: Die Industrie hat verglichen zum Gebäude- und Transportsektor schon relativ viel unternommen und zum Beispiel ihre 20 Prozent-CO2-Reduktionsziele bis 2020 mehr als erreicht. Aber für das Ziel bis 2050 in Europa praktisch emissionsfrei zu sein reichen die bisherigen Anstrengungen bei weitem nicht. Was die Industrie jetzt verstärkt braucht sind Innovationen. Sie muss neue, alternative und energieeffizientere Produktionsmöglichkeiten entwickeln. Nehmen wir zum Beispiel die Isolierbranche. Seit mehr als 50 Jahren isolieren wir mit den mehr oder weniger gleichen Dämmstoffen und -techniken. Zukünftig werden wir aber vermehrt und in der Masse leichte, robuste, widerstandsfähige, feuerfeste und hochwirksame Dämmstoffe zuerst entwickeln und dann einsetzen müssen, um das gewaltige Einsparpotential technischer Dämmungen vollständig zu realisieren.

Denn gerade in den Bestandsanlagen fehlt häufig der Platz, um mit den konventionellen Dämmstoffen energieeffizient zu dämmen. Rund 50 Megatonnen CO2 und damit mehr als
1 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in der EU könnten aber laut unserer aktuellen EiiF-Studie sofort eingespart werden. Diese für die Industrie mindestens mittelfristig wirtschaftlich sinnvollen Potentiale einfach liegen zu lassen, können wir uns zukünftig nicht mehr leisten.

Abb. 3: P. Hoedemaker machte KAEFER zum Weltmarktführer (Foto: Schwartmanns)

TI: Die Corona-Krise stellt aktuell jeden Wirtschaftszweig auf die Probe. Wo sehen Sie derzeit die Schwierigkeiten der Dämmstoffbranche und wie schätzen Sie die Zeitschiene ein?

PH: Die Verbände gehen derzeit davon aus, dass es vermutlich in der deutschen Baukonjunktur nicht zu einem deutlichen Nachfragerückgang kommen wird. Risiken bestehen eher darin, dass keine Materialien lieferbar sind, behördliche Auflagen zu Beschränkungen führen oder durch Erkrankung der Belegschaft nicht ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Es ist völlig unklar, wie lange mit Auswirkungen der Pandemie zu rechnen ist.

Ich vermute aber, dass es nach Corona eine Besinnung auf nationale oder regionale Wirtschaftsaktivitäten geben wird, die Digitalisierung einen enormen Schub erhält und zukünftig weniger geschäftlich gereist wird. Persönlich hoffe ich, dass die Corona Krise eine Klimachance wird.

TI: Sie sind heute Präsident der EiiF. Vorher waren Sie der Präsident der FESI. Welche Ziele verfolgen Sie bei der EiiF und inwieweit unterscheiden sich diese von den Zielen der FESI.

PH: Die EiiF engagiert sich gemeinnützig für den Einsatz nachhaltiger Isoliersysteme in Industrieanlagen mit dem Ziel Energie einzusparen und CO2-Emissionen zu reduzieren. Mir ging es schon bei ihrer Gründung und geht es auch heute als ihr Präsident in erster Linie darum, die anhaltende Energieverschwendung aufgrund vernachlässigter Dämmpotentiale in der Industrie zu stoppen. Der damit einhergehende Ausstoß völlig unnötiger CO2-Emissionen kann reduziert und im besten Fall beendet werden.

Als Dämmbranche können und müssen wir unseren Beitrag zum Aufhalten des Klimawandels leisten. Da ist jeder gefordert und jeder kann etwas tun, egal ob EiiF Präsident, Stiftungsrat, TIPCHECK Engineer oder Isolierer vor Ort.

Die FESI hingegen ist der europäische Interessensverband der nationalen Isoliererverbände und kümmert sich um die Belange der Isolierbranche. Es geht verstärkt um den Austausch von Erfahrungen und Lernmomente. Heute ist eines der wichtigsten Themen der FESI sicherlich die Herausforderung, geeignetes Personal zu finden.

TI: Was hat die EiiF bisher erreicht?

PH: Die EiiF hat heute nach gut zehn Jahren konstant rund 60 Mitglieder und wir können mit Recht behaupten, dass die führenden Isolierunternehmen Europas darunter sind und wir eine aktive und lebendige Community sind. Entsprechend habe ich auch nicht allein etwas erreicht, sondern wir haben gemeinsam zum Beispiel in Deutschland, Holland und Frankreich Förderprogramme für technische Dämmungen mitinitiiert und auch politisch in Brüssel einiges voranbringen können. Im Moment gehören wir zum Beispiel einem Expertenforum an, das die EU-Kommission hinsichtlich der Überarbeitung der Richtlinie für Industrieemissionen berät. In den vergangenen Jahren haben mehr als 200 Isolierexperten unsere TIPCHECK-Ausbildung zum EiiF zertifizierten Energieauditor für technische Dämmsysteme absolviert und in mehr als 350 Energieaudits in Industrieanlagen wirtschaftlich attraktive Einsparpotentiale aufgedeckt. Durch unsere TIPCHECKs und die anschließend veranlassten Dämmmaßnahmen werden heute jährlich mehr als 150.000 t CO2 und 550.000 MWh Energie eingespart. Das entspricht in etwa dem Jahresenergieverbrauch von 32.000 Haushalten oder den CO2-Emissionen von knapp 60.000 Autos. Ein kleiner Anfang, aber immerhin ein Anfang.

TI: Sie werden heute als eine der bedeutendsten Führungspersönlichkeiten im „Who is Who der deutschen Familienunternehmen“ genannt. Wenn Sie in einem Satz zusammenfassen könnten, was Ihr Erfolgsrezept zum Aufbau eines Isolierunternehmens ist, wie sähe der aus und was erhoffen Sie sich von der Zukunft?

PH: Ich erhoffe mir, dass in Bezug auf die CO2– Neutralität und die Klimaziele in den nächsten Jahren große Fortschritte gemacht werden. Dazu werden wir uns mit der EiiF für verpflichtende Dämmstandards in Europa einsetzen und haben bereits konkrete Vorschläge unterbreitet.

Davon profitieren wird neben dem Klima und der Industrie auch die Isolierbranche, die dann dank gut gefüllter Auftragsbücher ihren Beitrag zu einer emissionsfreien Zukunft in Europa leisten kann. Und das Erfolgsrezept: Die aktuell vorhandenen Chancen erkennen und nutzen.

Herr Hoedemaker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Zum Interviewpartner

Peter Hoedemaker:

1981–1988: Koninklijke Militaire Academie für Wirtschaft und Logistik

1985–1989: Hauptmann in der Royal Dutch Army

1986–1989: Studium an der Erasmus Universiteit Rotterdam in Business Economics

1989–1992: Abschluss als European Masters in Management an der ESCP Europe

1992–1994: Assistent des Vorstandsvorsitzenden Grasso Koninklijke Machinenfabrieken NV (GEA AG)

1994–1996: Controller und Turnaround Manager Kühlautomat Berlin GmbH KAB (GEA AG)

1996–1997: Geschäftsführer, Grasso GmbH ­Refrigeration Technology (GEA AG)

1997–2016: Geschäftsführer KAEFER Isoliertechnik GmbH & Co.KG, später CEO

seit 2013: Mitglied des Beirats BEGO Bremer Goldschlägerei Wilh. Herbst GmbH & Co. KG

seit 2018:
Mitglied des Beirats reimer Logistics GmbH & Co.KG
Mitglied des Verwaltungsrats Roland MIlls United GmbH & Co.KG
Ehrenamt

seit 2018: CDU Vorstandsmitglied des Landesverbandes Bremen

seit 2019:
Vorsitzender des Vorstandes (Gesellschaft der Freunde der ­Universität Bremen und der Jacobs University Bremen)
President EiiF (European Industrial Insulation Foundation)

 Der Beitrag ist auch in Ausgabe 2.2020 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Mai 2020) erschienen.

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