RM Rudolf Müller

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28. April 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Interview mit ZVSHK-Hauptgeschäftsführer Helmut Bramann: „Optimale Leistung braucht gewerkübergreifendes Verständnis“

Interview mit ZVSHK-Hauptgeschäftsführer Helmut Bramann

Die Schnittstellen zwischen Isolierern und SHK-Handwerkern sind unklar (Bild: visivasnc/123RF)

Die Technische Isolierung ist häufig ein Leistungsbereich, der an Kernleistungen des SHK-Handwerks anschließt. Wir haben Ende 2019 mit ZVSHK-Hauptgeschäftsführer Helmut Bramann über Schnittstellen und digitale Möglichkeiten gesprochen das komplette Interview lesen Sie nun auch hier.

TI: Herr Bramann, vielleicht erklären Sie kurz, wo aus Sicht des vom ZVSHK vertretenen Handwerks Schnittstellen zur Technischen Isolierung bestehen?

Helmut Bramann (HB): Gern. Im Grunde gibt es zwei Kernbereiche: Einerseits geht es um energieeffiziente Wärme- und Wasserversorgung in Gebäuden – hierfür stehen unsere SHK-Betriebe – andererseits optimale Ausrüstung betriebstechnischer Anlagen in der technischen Gebäudeausrüstung bis hin zum Industrieanlagenbereich.

In letzterem Bereich gibt es in den Betrieben jedoch kaum den Bedarf, im Schnittstellenbereich zusammenzuarbeiten, da die technische Planung in der Regel beide Leistungsbereiche bereits klar abgrenzt und entsprechend gewerkbezogen ausschreibt.

Im Bereich der Wärme- und Wasserversorgung bis hin zu Badausbau im Gebäudebereich ist dies häufig anders. Zum Leistungsbereich des SHK-Handwerks gehört hier übrigens nicht nur die Energieversorgung von der Heizung, über Photovoltaik bis hin zur Wärmepumpe, sondern auch die Wasserversorgung, mit dem immer häufigeren Erfordernis des Badausbaus „aus einer Hand“.

Die größte Schnittstelle zwischen Technischer Isolierung und SHK-Bereich finden wir also im Hochbau. Zum Beispiel beim Bau einer Heizungsanlage in einem Mietshaus oder einer Gewerbeimmobilie. Der SHK-Handwerker baut dabei die Heizungsanlage inklusive aller Strangsysteme und Heizmodule. Dies im übrigen immer häufiger auch digital vernetzt. Im Fall entsprechend getrennter Bauherrenausschreibung und -beauftragung dämmt danach der Isolierer das System entsprechend den Vorgaben der ENEV. Entsprechende Konstellationen finden sich zumeist im gewerblichen Gebäudebereich und im Mehrfamilienhausbau. Gleichzeitig gibt es im vor allem privaten Ein- und Zweifamilienhausbau den Bedarf, entsprechende Leistungen aus einer Hand zu beraten und umzusetzen. Und da besteht sicherlich seitens des SHK-Handwerks das Interesse, Standards im Schnittstellenbereich mit dem Bewusstsein zu definieren, dass qualitätsvolle Lösungen geschaffen werden. Das praktizieren wir auch in anderen Fällen erfolgreich in Form verbändeübergreifender Zusammenarbeit der Experten, aus der am Ende zum Beispiel Merkblätter entstehen können, die branchenanerkannte Standards definieren.

TI: Von welchen Schnittstellen sprechen Sie an dieser Stelle?

HB: In dem Bereich des Heizungsbaus ist das Know-how der Isolierung sehr wichtig. Einerseits macht die EnEV (Energieeinspargesetz Anm.d.Red.) – jetzt auch das GEG dezidierte Vorgaben. Andererseits gibt es Überlappungen wie z.B. im Nassbereich, also der Bad-Situation. Ein Beispiel ist die zuletzt erfolgte gemeinsame Entwicklung und Verabschiedung technischer Hinweise für Ausführungen im Schnittstellenbereich z.B. mit Fliesenlegern. Dazu werden im Vorwege Fragen erörtert, wie: Welche Probleme könnte es geben, welche Mängel könnten entstehen, wenn der eine Leistungsbereich auf den anderen trifft? Das wäre auch mit dem Isolierer vorstellbar, mit dem Ziel Reibungsverluste auf der Baustelle vor Ort zu verhindern.

TI: Wie entsteht dieses geringe Verständnis für die anrainenden Gewerke?

HB: Es ist doch natürlich, dass jeder im Rahmen seiner eigenen optimalen Auftragserfüllung und im Horizont seiner Qualifizierung denkt. Nicht umsonst liegt es bei größeren Projekten in der Verantwortung des Auftraggebers, Leistungsbereiche an deren Schnittstellen zu koordinieren. Dies gilt aber nicht zwingend im Vertragsverhältnis mit privaten Kunden.

Auch hier geht es meines Erachtens in erster Linie nicht zwingend darum Verständnis für einander zu entwickeln, auch wenn dies wünschenswert natürlich wäre. Wichtiger ist gemeinsam Regeln zu definieren, die eine bestmögliche Ausführungsqualität über die Gesamtleistung hinweg garantieren, egal ob sie aus einer Hand oder von nachfolgenden Gewerken separat erstellt wird.

Interview mit ZVSHK-Hauptgeschäftsführer Helmut Bramann

Helmut Bramann wirbt für gegenseitiges Verständnis (Bild: G. Ruhe)

TI: Ist das Know-how der SHK-Betriebe hinsichtlich der Isolierung ausreichend?

HB: Viele Betriebe holen es sich in den Betrieb rein. Zum Beispiel diejenigen, die sich auf das Kerngeschäftsfeld „Badmodernisierung“ konzentriert haben. Diese Handwerksbetriebe haben häufig einen Fliesenleger, Isolierer und vor allem Elektriker mit an Bord. Das machen übrigens auch Isolierbetriebe, wenn sie beispielsweise Trockenbauleistungen mit erbringen.
Grundsätzlich macht es da daher Sinn, gemeinsame Merkblätter an den Schnittstellen zu definieren.

TI: Wie genau könnte so etwas aussehen?

HB: Na, prima wäre ein Schritt auf technischer Ebene eines oder beider interessierter Verbände: die Analyse bestehender Schnittstellen und dort häufig vorkommender Probleme. Im Anschluss dann ein Dialog zwischen den betroffenen Verbänden und ein fachlich lösungsorientierter Austausch. Gibt es Konsens, dann steht der Erstellung eines gemeinsamen Merkblattes nichts im Weg. Ein Thema an der Schnittstelle SHK-Isolierung ist das Thema der Leitungsführung oder Rohrbündel.

Wichtig auf dem Weg ist, dass Verständnis für die Bedürfnisse des jeweiligen Partners vorhanden ist. Warum macht der Anlagenmechaniker das so und so? Dazu muss man sich austauschen.

TI: Inwiefern kann das Thema serielles, modulares Bad im Neubau, nicht im Bestandsbau, diesen Problemfeldern entgegenwirken?

HB: Im Neubau ist das serielle Produzieren schon lange ein Thema. Die Erhöhung von Vorfertigkeitsgraden verspricht allgemein verkürzte Einbauzeiten bei höherer Qualität und mancher Auftraggeber meint auch noch, dass dann alles günstiger wird. Dem ist aber natürlich nicht grundsätzlich so. Insbesondere nicht in der Bestandssanierung.

Im Bereich vor der Wand haben wir ja bereits hohen Vorfertigungsgrad erreicht. Z. B. wo und wie beispielsweise eine Toilette angebracht wird, welche Unterkonstruktion verwendet wird. Dies geht einher mit dem Trend zur Badinstallation aus einer Hand. Hier gilt es ganz besonders, an den Gewerkeschnittstellen im Sinne der Qualität und effizienten Ausführung der Leistung zu optimieren. Die Mängelbeschreibung, wie sie regelmäßig in Ihrem Heft besprochen wird, ist an der Stelle sicher hilfreich.

TI: Inwieweit wäre oder ist BIM geeignet, um diese Schnittstellen-Problematik langfristig zu lösen?

HB: Wir beschäftigen uns schon seit geraumer Zeit mit diesem Thema und verfolgen den Ansatz der digitalen Prozessoptimierung dazu gehört unter anderem die von uns organisierte Bereitstellung qualitätsgeprüfter Produktdaten für das SHK Handwerk in unseren Open Datapool, die wir im Übrigen gern auf weitere Leistungsbereiche ausdehnen werden, was auch nur in verbändeübergreifender Zusammenarbeit effizient funktionieren kann.
Für den SHK-Bereich haben wir darüber hinaus integrierte Software-Lösungen entwickelt. Das sind bedarfsorientierte „Bottom up“ Lösungen für das Handwerk.
Während der klassische Ansatz von BIM Standardisierung und Regelsetzung von oben bedeutet. Unser Ziel ist am Ende dem Handwerker alle Daten qualitätsgesichert und aktuell zur Verfügung zu stellen, die er für seine Prozesse benötigt, und den optimalen Zugang in seine Software zu ermöglichen. Das bedeutet zusätzlich: Gemeinsam mit Softwareherstellern Schnittstellen zu definieren und ggf. auch eigene Softwarelösungen anzubieten.. Der Open Datapool ist in diesem Sinne der SinglePoint of Information der Branche. Hier kann der Handwerker nicht nur Produktstammdaten abrufen, sondern auch Montageanleitungen, werkvertragsrechtlich relevante Unterlagen, wie beispielsweise Bauart-Genehmigungen oder Zulassungen, Sicherheitsdatenblätter und so weiter. Das alles passiert für ihn „on demand“, wie er es braucht und wann er es braucht – automatisch in seine Planungs- und kaufmännische Software hinein.
Und wenn es später mal in eine BIM-Planung reingeht, wird auch das BIM-Objekt damit abrufbar sein.

TI: Sind andere Gewerke ebenso weit?

HB: Wir sind relativ weit. Allerdings haben wir die Daten noch nicht durchgängig in den Planungs-Software-Programmen. Den Sprung aus der Produktwahl zum Großhandel, der eine Aussage über die Verfügbarkeit und Preis machen kann, werden wir im Laufe dieses Jahres realisieren. Unser Ziel ist es, dass jeder digital afine SHK-Handwerker auf einem Tablet seinen Kunden vor Ort umfänglich beraten und digital direkt ein fertiges Angebot liefern kann, inklusive Warte-, Einbauzeit und Kosten.

TI: Wie sieht in dem Fall dann die Kommunikation zum Architekten oder Planer aus?

HB: Der Open Datapool ist ein offener Daten-Pool, in den sich jeder einloggen kann. Es ist eine B2B-Plattform und wir wollen auch nur B2B haben, weil B2B für Planer und für Handwerker einen enormen Mehrwert darstellt und es in die Prozesse direkt reingreift, ohne dass der Endkunde den Handwerker oder Planer als Berater ausschalten kann.

Der Datapool ist kostenfrei und kein closed shop. Er ist offen für jeden, der sich transparent auch als „B“, also Businesspartner, zu erkennen gibt.

TI: Aber an dieser Stelle wird ja eine Marktbündelung vorgenommen. Ist das für die Firmen oder Unternehmer untereinander in Ordnung?

HB: Wir reden hier ja nicht über Preise, sind also keine Wettbewerbsplattform. Der Grosshandel wird nicht ausgeschaltet, er wird digital besser bis zu seinem Kunden – dem Handwerker – vernetzt.

TI: Können Sie sich vorstellen, dass Sie da auch die Isolierer mit einbinden?

HB: Bislang gibt es noch keine Gespräche dazu. Aber warum nicht? Einzelne Dämmstoffhersteller wirken schon in unserem Datenpool mit. Eine solche Datenbank kann für jeden Handwerker interessant sein, egal ob Isolierer, SHK-Betrieb, Fliesenleger oder aber auch Architekten. Das Problem aller Bemühungen ist die Kunst der Vermittlung digitaler Möglichkeiten an die Nutzer.
Wir decken mit den 25.000 Betrieben 80 Prozent des Marktes ab, haben aber bislang nur 1.500 Nutzer des Portals. Die Innungsbetriebe sind manchmal noch nicht so weit, manche haben noch nicht mal eine eigene Internetseite. Ich denke, dass das im Isoliererhandwerk nicht viel anders aussieht.

TI: Herr Bramann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Open Datapool

Im Zuge der Digitalisierung und zur Optimierung der Arbeitsabläufe ­initiierte der SHK-Bereich eine zentrale Plattform, in der alle Herstellerdaten digital zur Verfügung stehen. Der Open Datapool ist somit die erste Branchenlösung seiner Art zur Bereitstellung von Herstellerdaten für das Handwerk. Die von den Herstellern eingefügten Daten sind qualitätsgeprüft. Dabei werden zwei- und dreistufige Herstellerdaten gebündelt. Der Nutzer dieser Datenbank kann die technischen Daten des gesuchten Herstellers einfach einsehen und herunterladen. Gleichzeitig ist ein individueller Download nach Datenarten möglich wie: Plandaten, Stammdaten, Ausschreibungsdaten, Bilder, Montage- und Pflegeanleitungen oder auch Maßzeichnungen. Damit spart der Anwender bzw. Nutzer Zeit bei der Suche nach aktuellen Daten und Produktinformationen. Erweitert wird die Plattform zukünftig noch um die Gewerke Fliesen, Elektro und Klempner.

www.open-datapool.de


Zum Interviewpartner

Helmut Bramann ist gelernter Bauingenieur und kennt die Branche der Technischen Isolierung. Er war jahrelang Geschäftsführer der Hauptabteilung Technik im HDB und verantwortlich für den Support der Isolierer der WKSB-Branche, bevor er im Juli 2018 als Hauptgeschäftsführer zum Zentralverband des SHK-Handwerks wechselte. Heute vertritt er die Interessen der Verbandsmitglieder des Gewerkes, das mit 50.000 Betrieben, 340.000 Mitarbeitern und einem Branchenumsatz von ca. 46 Mrd. Euro auf dem deutschen Markt zuhause ist.

 Der Beitrag ist auch in Ausgabe 1.2020 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Februar 2020) erschienen.

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