RM Rudolf Müller

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27. Februar 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Interview: „Wenn es der TGA gut geht, geht es auch der technischen Dämmung gut“

Technische Isolierung 1-2020: Interview Günther Mertz

Die künftigen Lösungen des Fachkräftemangels und der notwendigen Bestandssanierung gehen sowohl den Planer als auch den Isolierer etwas an. Die TI sprach mit Günther Mertz über diese Problemfelder. Teil 1 des Interviews zu aktuellen Problemen und zukünftigen Lösungen für die WKSB-Branche lesen Sie hier.

TI: Warum gibt es so starke Divergenzen in den Zuständigkeitsbereichen auf den Baustellen zwischen den Gewerken und den Planern, die zu Problemen führen?

Günther Mertz: Häufig sind es Kompetenzprobleme. Ein TGA-Planer bewirbt sich beispielsweise für ein Projekt, obwohl es ihm an der nötigen Qualifikation mangelt. Er erhält den Auftrag und am Ende geht das Projekt schief. Grundsätzlich ist auch für TGA-Planer das Lebenslange Lernen notwendig.

TI: Haben Sie deshalb unlängst einen eigenen Studiengang für zertifizierte TGA-Manager der technischen Gebäudeausrüstung zusammen mit der Frankfurt School of Finance & Management aufgesetzt?

G. M.: Ja. Mit dem Studiengang wollen wir neben den Weiterbildungsseminaren, die wir für die gewerblichen Mitarbeiter auflegen, eine universitäre Weiterbildung anbieten, und zwar zum TGA-Manager. Das heißt, wir wollen dort die höher gestellten Mitarbeiter aus dem Anlagenbau und aus den Planungsbüros in Richtung Projektmanagement weiterbilden.

Die Frankfurt School of Finance hat einen sehr guten Ruf und verfügt über Professoren, die für unseren Bereich eine sehr hohe Kompetenz besitzen. Das haben wir genutzt und gemeinsam den Studiengang entwickelt. Damit wollen wir auch im Sinne der Mitarbeiterbindung die Qualifikation und damit die Qualität des Projektmanagements im TGA-Bereich erhöhen und noch mal eine weitere Stufe voranbringen.

TI: Fühlen sich die Architekten mit dem Ansinnen, die TGA-Kompetenzen weiter nach vorne zu bringen, indirekt kritisiert?  

G. M.: Da haben Sie vollkommen recht. Aber die Notwendigkeit der Erweiterung von Kompetenzen, besonders hinsichtlich der Klima-Debatte, ist nicht eine Erfindung von uns, sondern auch ein Ergebnis der Entwicklung von Bauprozessen.

Wenn Sie sich den Bau der Halle 12 der Frankfurter Messe anschauen, da hat die TGA einen Anteil von 50 Prozent. Das heißt, wir müssen öfter dazu kommen, dass wir nicht nur Architektenwettbewerbe ausschreiben, sondern auch Technikwettbewerbe. Am Ende muss es beides parallel geben: einen Architektenwettbewerb und einen Technikwettbewerb.

TI: Inwiefern wird das schon praktiziert?

G. M.: Es gibt einige Projektbeispiele und auch einige öffentliche Auftraggeber sind bereits dazu übergegangen. Zum Beispiel versucht der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, dieses Procedere stärker in den Vordergrund zu stellen. Es geht heute nicht mehr nur um die Hülle und das hochwertige Design des Gebäudes, sondern darum, gleich die Fragen der Technik einzubinden. Und das bereits im Vorfeld, schon während der ganzen Ideenfindung. Und da spielen selbstverständlich Themen wie Klimaschutz, Energieeffizienz und so weiter eine maßgebliche Rolle ­– also auch die Themen Ihrer Leserinnen und Leser.

Für die technische Isolierung oder Dämmung bedeutet das, dass Fragen der Dämmung gleichberechtigt sind mit der Frage des Designs eines Gebäudes. Die Lösungen aus dem Bereich müssen frühzeitig in den Planungsprozess integriert werden.

Im Augenblick ist es so, dass die Dämmung meist am Ende kommt. Die Isolierer dürfen dann loslegen, wenn alles schon fast fertig ist. Das ist der falsche Weg. Die Isolierer müssen mit ihrer Expertise früher eingebunden werden, wenn wir die Anforderungen an Wärmeschutz, Schallschutz usw. erfüllen wollen.

TI: Das ist eine sehr interessante Information.

G. M.: Das wird funktionieren, wenn wir die Technik auf die gleiche Stufe stellen wie die Architektur. Techniker und Architekten müssen beide auf Augenhöhe das Projekt besprechen.

TI: Wie gelingt ihnen das idealerweise?

G. M.: Indem sie sich immer bewusst machen, dass ein Gebäude eine Funktion hat. Diese Funktion wird aber nicht nur durch Design erfüllt. Das heißt, man muss beispielsweise wissen, ob in einer Shopping Mall vor allem Lebensmittelläden vorhanden sein werden oder Schmuckläden mit einem hohen Beleuchtungsanteil. Und der Architekt muss die Technik berücksichtigen. Wenn er das nicht macht, dann scheitert sein Gebäude.

Das haben wir in den Achtzigerjahren massiv mit dem Trend zu den Glas-Fassaden erlebt. Da erreichte die Kältetechnik Dimensionen, sodass sie nicht mehr in den Gebäuden unterzubringen war. Deshalb brauchen wir diesen Gleichklang, diese ganz enge Kombination zwischen Architektur und Technik. Und wenn wir die nicht hinkriegen, dann werden wir noch viele BER haben.

Der Techniker muss dem Architekten sagen, wie groß die Technikzentrale sein muss oder welche Höhe die abgehängte Decke haben muss, damit die notwendige Technik passenden Raum hat.

TI: Gehen Sie an der Stelle mit den Architektenkammern ins Gespräch?

G. M.: Wir arbeiten mit vielen Architektenkammern und Architektenverbänden zusammen. Im November 2019 haben wir mit aktiver Beteiligung der Architekten zum zweiten Mal das TGA-Wirtschaftsforum durchgeführt. Auch die Architekten haben erkannt, dass sie keine Solo-Spieler mehr sind. Auch sie brauchen die Statik, die Dämmung und die TGA, sonst werden ihre Gebäude nicht gebaut – zumindest im Bereich des öffentlichen Bauens.

Auch der Investor muss den TGA-Anteil und die damit verbundenen Planer und Gewerke zukünftig gleichrangig betrachten wie den Architekturanteil. Daran kommt er nicht vorbei.

Wenn wir uns die Bundes- und die Regierungsbauten in Berlin anschauen, dann ist der BER ein Waisenknabe. Denn hinsichtlich der Überschreitungen, Nichtberücksichtigung von Zeitfaktoren oder Kostenfaktoren sind diese Gebäude zum Teil viel schlechter als der BER. Und immer oder in fast allen Fällen wird die TGA zum Buhmann erklärt.

TI: Das sind aber doch keine Planungsfehler, sondern ist den komplexen Genehmigungsprozessen geschuldet.

G. M.: Richtig. Aber wenn irgendwo ein Gebäude in Verruf oder in die Schlagzeilen gerät, spielt ganz, ganz häufig die TGA eine Rolle. Aber nicht, weil die TGA nicht in der Lage ist, das Projekt auszuführen, sondern weil sie viel zu spät beteiligt wird.

Ich habe Fotos bei mir, da ist genau in der Mitte der Technikzentrale eine Säule zu sehen. Sie können dort nicht mal eine Heizungsanlage installieren. Am Ende sagt dann niemand, der Architekt oder der Statiker haben hier einen Fehler gemacht. Es heißt dann, die TGA sei schuld. Obwohl wir gar keine Chance haben, in manchen Technikzentralen unsere Technik überhaupt unterzubringen. Das ist einer der Gründe, warum so viele Projekte scheitern. Da müssen wir gegensteuern und zwar gemeinsam.

TI: Wie steuern Sie dagegen?

G. M.: Wir sind mit dem Innen- bzw. Bauministerium in ganz engem Kontakt. Wir können beide kein Interesse daran haben, dass Ministerium mit seinen Regierungsbauten in Verruf kommt und wir mit der TGA. Wir haben über die Möglichkeit gemeinsamer Studien gesprochen, die die Frage eruieren, wie die Technikseite deutlich früher in den gesamten Prozess integriert werden kann. Das wäre schon mal ein ganz wichtiger Schritt.

TI: Welchen Vorteil hat die Tatsache, dass es mittelfristig oder auch langfristig viel stärker kontrollierte Prozesse in der TGA-Planung gibt und welche Auswirkung hat das für die Dämmung?

G. M.: Nur positive Auswirkungen, weil auch dann eben der VOB-Teil eine stärkere Berücksichtigung findet, wenn die Technik insgesamt adäquat berücksichtigt wird. Das hätte natürlich auch positive Auswirkungen auf alle Bereiche wie beispielsweise die Dämmung oder technische Isolierung. Man braucht ein vernünftiges Brandschutzkonzept und muss dieses Brandschutzkonzept frühzeitig einbringen, damit es nachher – im Gegensatz zum BER – auch richtig umgesetzt werden kann. Dieses frühzeitige Einbringen in die einzelnen Prozessschritte wird auch der WKSB-Branche gut tun.

TI: Nicht nur in der Handwerkerbranche gibt es das Thema Fachkräftemangel. Auch im Ingenieur- und TGA-Bereich ist es ein Thema. Oder?

G. M.: Richtig. Laut dem Ingenieur-Monitor von 2019, 3. Quartal, hatten wir für die Ingenieurberufe Bau, Vermessen, Gebäudetechnik, Architekten insgesamt in Deutschland 34.700 offene Stellen. Damit liegen wir nach den Informatiker-Berufen an zweiter Stelle. Insgesamt gab es 124.000 offene Stellen für Ingenieure und Informatiker.

Ich habe erst jetzt in der Stuttgarter Zeitung gelesen, dass es allein im Südwesten 9.000 nicht besetzte Ausbildungsplätze in den Handwerkerberufen gibt. Die Gründe für den Mangel ­– egal ob im gewerblichen oder im akademischen Bereich – sind vielschichtig.

Wir versuchen, durch Nachwuchs-Kampagnen im gewerblichen Bereich auf die Attraktivität unserer Berufsbilder hinzuweisen. Das sind heute nicht mehr die, die mit dem blauen Anzug und dem Schraubschlüssel durchs Gebäude laufen, sondern zum Beispiel für die Wärmebedarfsberechnung oder Kältebedarfsberechnung nutzen wir heute den Laptop. Aspekte wie Energieeffizienz oder Klimaschutz versuchen wir zu nutzen und entwickeln damit die Berufsbilder für unsere Gewerke. Im universitären Bereich nimmt die Anzahl der Frauen zu. Leider interessieren sich aber immer noch zu wenig Frauen für unsere Branche.

TI: Gibt es ein Bild, das Sie vermitteln können, was eigentlich die technische Isolierung im Bewusstsein des gemeinen TGA-Planers ausmacht?

G. M.: Beim Anlagenbau spielt die technische Isolierung eine besonders große Rolle. Wenn wir vernünftige Anlagen errichten wollen, dann brauchen wir vernünftige Isolierer oder Dämmer. Wir können machen, was wir wollen, wir können die schönsten Trinkwasserleitungen legen, wir könnten die schönsten Kältemittel-Leitungen legen – wenn sie nachher nicht richtig gedämmt sind, dann haben wir ein Problem.

Ein anderes Beispiel ist die Sanierungsquote im Bereich der Heizungstechnik innerhalb der Technischen Gebäudeausrüstung. Die liegt derzeit bei unter einem Prozent. Wenn wir die EnEV-Ziele oder die Klimaschutzziele erreichen wollen, müssen wir aber eine Sanierungsquote von drei Prozent erreichen. Da beißt sich jetzt natürlich die Katze in den berühmten Schwanz, denn diese Sanierungsquote ist nur mit einer ausreichenden Anzahl an Fachkräften zu erfüllen.

Wir wissen, dass 70 Prozent der Heizungsanlagen älter als 30 Jahre sind. Bei den raumlufttechnischen Anlagen sieht es nicht besser aus. Hier wollen wir erreichen, dass auch für Nicht-Wohngebäude steuerliche Fördermaßnahmen angeboten werden. Wir streben eine Verkürzung der Abschreibungszeit an, also quasi eine Vorwegnahme der Steuerschuld.

Die steuerliche Förderung energetischer Sanierungsmaßnahmen wurde für den Bereich des selbstgenutzten Wohneigentums beschlossen, aber wir wollen das auch für den Nicht-Wohngebäudebereich, was natürlich auch wieder der technischen Isolierung sehr entgegenkommt.

Wir wissen, was dort an Alt-Anlagen vorhanden ist und kennen auch die Einspar-potenziale, die durch Sanierungsmaßnahmen realisiert und umgesetzt werden können. Wir setzen uns in Berlin mit Hochdruck für Fördermaßnahmen in diesem Bereich ein, aber es ist ein schwieriges Feld. Denn natürlich, die Wähler sitzen in den Wohnhäusern und deshalb stehen diese viel stärker im Fokus der Politik als die Nicht-Wohngebäude.

Fazit: Wir müssen die Bedeutung der Technischen Gebäudeausrüstung im gesamten Planungs- und Ausführungsprozess deutlich erhöhen. Wir müssen unserem 50-Prozent-Anteil eines Gebäudes auch im Planungs- und Ausführungsprozess gerecht werden. Gelingt uns das, nutzt es allen am Bau Beteiligten. Die TGA wird dann früher eingebunden und ihrer Bedeutung entsprechend auch wahrgenommen – und mit ihr auch die technische Dämmung.

Denn wenn es der TGA gut geht, geht es auch der technischen Dämmung gut.

TI: Herr Mertz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Teil 1 des Interviews zu aktuellen Problemen und zukünftigen Lösungen für die WKSB-Branche lesen Sie hier.


Zum Interviewpartner

Günther Mertz M.A.: Geschäftsführer von drei Fachverbänden: Fachverband Gebäude-Klima e. V. (FGK), Herstellerverband Raumlufttechnische Geräte e. V. und Bundesindustrieverband Technische Gebäudeausrüstung e. V. (BTGA).

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