RM Rudolf Müller

Neue Pflanzen mit alter Erfahrung: Generationswechsel im Isolierhandwerk (Foto: ctvgs auf Pixabay)

Betrieb + Ausbildung
12. Juli 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Junge Köpfe zwischen Tradition und Zukunft – neue Ideen für alte Werte

Jährlich regeln rund 30.000 größtenteils inhabergeführte Unternehmen in Deutschland ihre Nachfolge [1]. Im Zentrum jeder Unternehmensübergabe steht der Versuch, positive Aspekte der Gegenwart und Vergangenheit in die Zukunft zu bringen. Die Übergabe von einer Generation zur nächsten spielt in Handwerksunternehmen dabei eine besondere Rolle.

Von Elke Rieß. Gerade in einer Zeit, in der die Veränderung der Arbeits- und Lebenswelt in scheinbar immer kürzeren Zyklen voranschreitet, treffen bei einem Generationswechsel nicht nur unterschiedliche Persönlichkeiten und Altersgruppen, sondern unterschiedliche Lebenseinstellungen aufeinander.
Was für die alte Führung perfekt gepasst und optimalen Output geliefert hat, muss für die nachfolgende Generation noch lange nicht stimmig sein.
Nach einer Zeit der Einarbeitung kommt unweigerlich die Phase, in der die neue Führung beginnt, ihre Ideen und Ziele einzubringen und nach und nach umzusetzen – oft unter den kritischen Augen der Übergeber.
Ein intensiver und offener Austausch ­bietet gute Möglichkeiten für beide Seiten, ihre ­Erfahrung mit neuen Impulsen zu verbinden, denn häufig braucht es selbst dann neue Strategien, um traditionelle Werte in der heutigen Zeit in unternehmerischen Erfolg umsetzen.

Der Bau braucht Wandel

Die Medien zeichnen den Bauarbeiter als pfuschenden Feinrippträger mit Bierflasche, während der Bauunternehmer fast immer als unehrlicher Geschäftsmann und Menschenausbeuter dargestellt ist. Wen wundert es, dass Eltern ihre Kinder lieber als Mechatroniker sehen? Völlig unschuldig ist die Baubranche daran jedoch nicht.

Jahrelange Entwicklungen hin zu GU-Strukturen und möglichst günstigen Kostenvoranschlägen haben in der Tat dazu geführt, dass z. B. in der Haustechnik der technisch und handwerklich anspruchsvolle Beruf des Wärme-, Kälte-, Schall- und Brandschutzisolierers heute in der Öffentlichkeit als Nebenarbeit der SHK-Branche wahrgenommen wird. Die Aufträge werden über die SHK-Gewerke mit vergeben und anschließend kostengünstige Nachunternehmer unterbeauftragt. Das WKSB-Handwerk selbst besteht daher vorwiegend aus kleinen und Kleinstunternehmen, die regionale oder technisch anspruchsvolle Nischen besetzen. Gerade in den Nischen jedoch sind Softskills, technisches Know-how und gute Organisation unerlässlich für wirtschaftlich erfolgreiches Arbeiten. Denn durch technisches Fachwissen, Termintreue, Ausführungsqualität und Beratung sowie schnelle Reaktionszeiten können sich kleine Betriebe vom breiten Markt abheben und ihren Kunden den entscheidenden Mehrwert bieten. Diese Unternehmen sind maßgeblich für das technische Niveau, das an die Ausführung von Isolierarbeiten angelegt wird, und daher immens wichtig für das Ansehen des Gewerks. Doch wie sind in Zeiten des Fachkräftemangels, sinkender Ausbildungszahlen und der Rufe nach Work-Life-Balance diese Werte zu halten? Neue Unternehmergenerationen müssen neue Wege denken und beschreiten. In seiner jetzigen Form ist das Bauhandwerk für junge Menschen nicht „sexy“, und der Markt wird damit auch in Zukunft vom Mangel an gutem Fachpersonal geprägt sein. Es liegt am Geschick der Unternehmen, jetzt nicht passiv zu bleiben, sondern Komfortzonen für potenzielles Personal zu schaffen, das bisher nicht im Fokus stand. Strukturen zu schaffen, die mehr Flexibilität, Internationalität, Quereinstieg oder gar Femininität als ungenutztes Potenzial erkennen, könnte hier ein Schritt in die Zukunft sein.

Ist das noch Handwerk?

Die aktuelle Kampagne der Handwerkskammern konkretisiert es: Traditionelle Vorstellungen von vielen Handwerksberufen stehen auf dem Prüfstand. Als die jetzt übergebende Generation vor 25 bis 30 Jahren ihre unternehmerische Karriere begann, arbeitete Deutschland an der Wiedervereinigung oder die ersten festinstallierten Mobiltelefon.

Während sich die Betriebe im fachlich-technischen Bereich aktuellen Neuerungen stetig angepasst haben, gibt es gerade im sehr kleinteilig organisierten Isolierhandwerk auch Entwicklungen, die in der Praxis bisher nicht in gleichem Maße angekommen sind wie zum Beispiel im produzierenden Gewerbe. Dabei fällt es Jungunternehmern oft leicht, den Nutzen von Konzepten z. B. der Digitalisierung nachzuvollziehen. Während zu Hause ganz selbstverständlich Nachrichten und Bilder per Messenger getauscht und Filme gestreamt werden, sind diese Techniken noch nicht im praktischen Arbeitsalltag angekommen. Dabei wäre der Einsatz dieser digitalen Techniken zur Vereinfachung von Arbeitsabläufen und in der Kommunikation mit Baustellen ein logischer Schritt. Darüber hinaus bietet der IT-Markt eine breite Auswahl – auch kostenloser – Programme, die von der Stundenerfassung über die technische Dokumentation bis zum „mobilen Büro“ alle Bereiche abdecken und gerade in den „unproduktiven“ Verwaltungsaufgaben Erleichterungen bringen können. Vielleicht ist es gerade diese Vielzahl an Angeboten, die eine Umsetzung erschwert. Trotz allem lohnt sich auch hier ein genauerer Blick, denn über kurz oder lang wird sich auch die Baubranche vom Durchschlagpapier verabschieden. Digitale Formblätter bestehen auf der Eintragung relevanter Daten, sind mehrsprachig darstellbar und immer lesbar. Unvollständige, unleserliche oder aufgrund von Sprachbarrieren falsch ausgefüllte Zettel werden damit vermieden. Zudem gehen Informationen weitaus seltener verloren und sind innerhalb von Sekunden im Büro, wo sie weiter bearbeitet werden können. Konzepte wie Homeoffice oder Teilzeitarbeit gehen damit Hand in Hand. Als ein weiterer Pluspunkt könnte genannt werden, dass es für Jugendliche sogar erstrebenswert zu sein scheint, mit einem Tablet herumlaufen zu dürfen – vielleicht ein Schritt, den Beruf interessanter zu machen.

Networking

Personalbeschaffung, Arbeitsorganisation und juristische Fragen sind bekannte Themen. In jeder Branche – auch im Isolierhandwerk – versuchen fast alle Unternehmen ähnliche Probleme zu lösen. Dabei auf die Ansätze der größeren Marktbegleiter zu schielen, mag Ideen liefern, jedoch nicht in jeder Hinsicht sinnvoll sein.

Hier kann der Privatbereich als Beispiel ­dienen. Während der nächste Urlaub ganz selbstverständlich mit dem Vergleich von Kundenmeinungen auf Internetplattformen geplant wird, bestreiten auch heute Unternehmen die Beantwortung organisatorischer oder technischer Fragen meist allein und ohne Austausch. In Zeiten immer komplexer werdender Anforderungen, die nicht unmittelbar das Tagesgeschäft betreffen, sind Netzwerke jedoch hilfreich. Nicht jede Frage muss individuell beantwortet, nicht jede technische Neuerung selbst erarbeitet und umgesetzt werden. Zudem ist die Qualität von Netzwerken in Entscheidungsprozessen weit wichtiger. Neben den Innungen haben sich in der WKSB-Branche Hersteller, Handel und Fachfirmen z. B. in der Fördergemeinschaft Dämmtechnik zusammengeschlossen, um dort Themen zu vertreten, die die Branche betreffen. Hier findet ein Austausch zu Herausforderungen statt und gemeinsame Lösungen werden entwickelt.

Fazit

Unternehmen müssen sich einem veränderten Wettbewerb und neuen Mitarbeiterstrukturen stellen. Es braucht Mut, sich mit neuen Wegen auseinanderzusetzen, um die traditionellen Handwerkswerte Qualität, fachgerechte Ausführung, Zuverlässigkeit und Kundenzufriedenheit erfolgreich weiterführen zu können und nicht abgehängt zu werden. Mit neuen Konzepten kann es jedoch gelingen, eine Brücke zwischen Tradition und Zukunft zu schlagen.


Autorin

Dr.-Ing. Elke Rieß: Geschäftsführerin F. K. Isoliermontage GmbH, Ahorntal (Bayern).
elke.riess@fki-gmbh.de


Literatur

[1] Kay, R.; Suprinovic, O.; Schlömer-Laufen, N.; Rauch, A. (2018): Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2018 bis 2022, IfM Bonn: Daten und Fakten Nr. 18, Bonn.

Der Beitrag ist in Ausgabe 1.2019 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Mai 2019) erschienen.
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