RM Rudolf Müller
Kommentar - Warum Start-Ups in der Technischen Isolierung nötig sind

(Bild: TI – Technische Isolierung)

Markt + Produkte
04. Dezember 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Kommentar: Warum Start-Ups in der Technischen Isolierung nötig sind

Ein Kommentar von Prof. Dr.-Ing. Klaus-Dieter Maubach.
Egal wie man zur Bewegung „Friday‘s for Future“ oder zu deren Initiatorin Greta Thunberg steht, der globale Einsatz fossiler Energieträger muss sich drastisch verringern – weniger, weil die fossilen Ressourcen knapper werden, sondern vielmehr, weil deren klimaschädliche Folgen dauerhaft nicht beherrschbar sein werden. Zwei Transformationen müssen dazu im Energiesektor parallel ablaufen, die in Deutschland unter dem Stichwort „Energiewende“ zusammengefasst werden. Zum einen muss der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben werden und zum anderen ist Energie weniger und insbesondere effizienter einzusetzen. Jede technische Isolierung liefert hier einen wichtigen Beitrag, auch wenn dies nicht deren einziger und bisweilen auch nicht deren wesentlicher Nutzen ist.

Wesentliche Verbrauchssektoren von fossilen Energieträgern sind die Industrie, Gebäude und insbesondere der Transportsektor. Beispielsweise sind im Transportsektor solche Isolierstoffe willkommen, die bei hoher thermischer Isolierung einen geringen Raumbedarf und ein niedriges spezifisches Gewicht aufweisen. Solche Isolierstoffe gibt es z.B. auf Basis von Aerogel Materialien bereits seit geraumer Zeit. So bezeichnet z.B. das amerikanische Unternehmen Cabot Aerogel als „world’s best insulating solid material“. Erfunden wurde das Material bereits in den 30er Jahren in den USA. Bis heute scheitert eine Anwendung allerdings noch häufig an den hohen Kosten.

Das High Tech Material des Dürener Startup Unternehmens SUMTEQ könnte dies ändern; jedenfalls bei Anwendungen in einem Temperaturfenster bis ca. 100 °C. Erste Pilotierungsanlagen zeigen, dass der nano-poröse SUMFOAM, so der Markenname des Materials, zu Kosten hergestellt werden kann, die von etablierten High Performance Isolierstoffen nicht zu erreichen sind. Welche Produktionskosten und damit Preisstellungen bei weiterer Skalierung möglich sein werden, darüber schweigen sich die Firmengründer derzeit noch aus. Fest steht allerdings bereits, dass das Material beispielsweise in sogenannten VIP (= Vacuum Isolated Panel) eingesetzt werden kann und dort etablierte Dämmstoffe verdrängen wird.

Die Gründer wollen aber nicht nur in den Markt für High Performance Dämmstoffe vordringen. Die angestrebte weitere Skalierung hin zu immer größeren Produktionsanlagen verspricht wettbewerbsfähige Kosten auch in den Märkten von Commodity Dämmstoffen. Bestimmte Eigenschaften des SUMTEQ Materials kommen dafür zum Tragen. So lässt sich das Material beispielsweise zu leistungsfähigen Dämmputzen mischen und wird damit eine echte Alternative zu herkömmlichen WDVS-Anwendungen. Über Zusatzstoffe im Material kann der Brandschutz verbessert werden und zudem ist das Material grundsätzlich recyclingfähig.

Die Erfindung des Dürener Start-Ups könnte daher auch ein Wettbewerbsprodukt für das herkömmliche Styropor werden, ein Produkt, das bekanntermaßen von der deutschen BASF entwickelt und bereits in den 1950er Jahren zum Patent angemeldet wurde. Seither hat dieses Material, anders als Aerogel Materialien, einen wahren Siegeszug als preiswerten Dämmstoff hingelegt. Davon konnten die Forscher aus Ludwigshafen in den 50er Jahren vermutlich nur träumen. So wäre es nicht das erste Material und mithin nicht die erste Innovation, die sich zunächst in einer Marktnische etabliert, und anschließend in weitere Marktsegmente mit großem Absatzpotenzial vordringt. Es wäre dann aber auch ein Beleg dafür, dass disruptive Innovationen nicht nur in großen Konzernen möglich ist. Investitionen wie die in die Erfindung junger Forscher sind für die Entwicklung nachhaltiger Produkte nötig. Denn sie sind eine Investition in die Zukunft.


Autor

Prof. Dr.-Ing. Klaus-Dieter Maubach

  • Elektroingenieur
  • 1994 Energieversorgung Offenbach AG, Abteilungsleiter für die technische Planung von Stromnetzen.
  • 1998 Leitende Positionen beim Elektrizitätswerk Wesertal GmbH, Hameln
  • 1999 Vorsitzender der Geschäftsführung der FORTUM Gruppe
  • 2001 Vorstand der E.ON Avacon AG, Helmstedt, berufen, anschließend Vorstands-Vorsitzender
  • 2006 E.ON Energie AG, München, als Mitglied des Vorstandes zuständig für die Strom- und Gasnetze, später Vorstands-Vorsitzender
  • 2010 Chief Technology Officer (CTO) im Konzernvorstand der E.ON SE, Düsseldorf, verantwortlich für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder
  • seit 2013 selbstständiger Berater im Bereich der Energieversorgung und Energiewende, Gründer der maubach.icp GmbH, München und Honorarprofessor an der TU Clausthal in Clausthal-Zellerfeld
  • 2015/16 Vorstandsvorsitzender der Capital Stage AG/Hamburg
  • Mitglied des Aufsichtsrats der ABB Deutschland AG
  • Aufsichtsratsvorsitzender bei Klöpfer & Königer GmbH & Co. KG, Garching
  • Mitglied des Beirats der Advancy GmbH, München, der Agora Energiewende, Berlin, und der SUMTEQ GmbH, Düren
 
Der Beitrag ist auch in Ausgabe 3.2019 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (November 2019) erschienen.

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