Lkw-Flotte von Wego/Vti (Quelle: Wego Systembaustoffe GmbH)
Mit einer Lkw-Flotte von über 250 Fahrzeugen bringt Wego/Vti bestellte Ware zum Kunden auf die Baustelle. Der Großteil davon sind Spezialfahrzeuge, z.B. mit Hochkran, Ladebordwand oder Mitnahmestapler. (Quelle: Wego Systembaustoffe GmbH)

Branchen-News

30. November 2021 | Teilen auf:

Logistik auf Digitalisierungskurs

Der Materialmangel am Bau stellt Wego/Vti derzeit vor große Herausforderungen. Nichtsdestotrotz verliert der Baustoffhändler sein langfristiges Ziel nicht aus den Augen, die Digitalisierung seiner Lieferkette voranzutreiben. Es kommen immer mehr digitale Hilfsmittel und neue Technologien zum Einsatz, um Abläufe effizienter, umweltfreundlicher und gleichzeitig sicherer zu machen.

Mit Trockenbauprofilen beladen rollt der rote E-Stapler durch die Gänge des Wego/Vti-Lagers in der Niederlassung in der Lärchenstraße in Frankfurt am Main. Zügig wird das Material in den Außenbereich transportiert, wo schon ein Lkw der Wego/Vti-Flotte wartet, um es an eine Baustelle im Umkreis zu liefern. Kaum auf den Lkw geladen, ist der E-Stapler auch schon wieder unterwegs; der nächste Auftrag wartet.

Der Frankfurter Standort ist in Hinsicht auf das Umschlagsvolumen einer der größten in Deutschland. Von den über 250 eigenen Lkw, mit denen Wego/Vti die Kunden bundesweit beliefert, sind allein zwölf in und um die Mainmetropole im Einsatz. Zwei bis drei Touren absolvieren die Fahrer am Tag. Dazwischen kommen sie zurück in die Lärchenstraße, um neues Material aufzuladen. Darüber hinaus bedienen die Lageristen am Standort jeden Tag zahlreiche Selbstabholer sowie Lieferanten, die neue Ware bringen. Leerlauf gibt es hier keinen. Um die Abläufe im Lager besser zu koordinieren und noch effizienter zu gestalten, hat Wego/Vti seinen Warenein- und -ausgang im vergangenen Jahr digitalisiert. Dafür nutzen die Lageristen einen Handscanner, mit dem sie die Produkte einlesen und die Bestellung positionsweise prüfen können. Ist z.B. Ware bei der Anlieferung beschädigt, können sie mit dem Gerät ein Foto machen, das automatisch an den Einkauf übermittelt wird. Hier prüft eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter den Fall und entscheidet, ob die Ware zurückgeschickt oder vereinnahmt wird. Die Zeiten, in denen mit Papierlieferscheinen hantiert wurde, sind also vorbei. „In anderen Industrien ist die Digitalisierung des Warenein- und -ausgangs lange Standard. Im Baustoffhandel hat die Umstellung länger gedauert. Aber es war ein wichtiger Schritt“, sagt Andreas Mas Casellas, Bereichsleiter Operations bei Wego/Vti. „Wir können Aufträge jetzt schneller bearbeiten und die Bestandsgenauigkeit ist deutlich höher.“ Bevor die Handscanner eingeführt wurden, mussten die Papierlieferscheine händisch im Büro verbucht werden. Das Problem: Bevor sie im System waren, hatten die Lageristen die Ware z.T. schon für kurzfristige Aufträge weiterverarbeitet. Dadurch gab es immer wieder Bestandsungenauigkeiten. „Wir waren nicht voll aussagekräftig gegenüber unseren Kunden, was die zu dem Zeitpunkt vorhandenen Stückzahlen betraf. Durch die Handscanner können wir bis auf das letzte Teil sagen, was vorrätig ist. In Anbetracht des Materialmangels ist das wichtiger denn je.“

Im Lager in der Frankfurter Lärchenstraße sind zahlreiche Gabelstapler im Einsatz, um das Pensum zu schaffen. Mit einem von ihnen lädt ein Lagerist gerade Trockenbauprofile in den wartenden Lkw der Wego/Vti-Flotte. (Quelle: Redaktion TI Technische Isolierung)
Kaum sind die Materialien mit dem Stapler auf den Lkw geladen, wird der nächste Auftrag bearbeitet. (Quelle: Redaktion TI Technische Isolierung)

Tourenplan-System optimiert Lieferweg

Das Erfassen des Warenein- und -ausgangs mithilfe von Handscannern ist nur einer von mehreren Schritten auf dem Weg zur digitalisierten Lieferkette bei Wego/Vti. Im Jahr 2020 hat der Systembaustoffhändler bereits ein neues Tourenplan-System eingeführt. Damit können die zuständigen Disponenten anhand verschiedener Parameter wie dem Materialumfang oder dem gewünschten Lieferzeitpunkt mithilfe weniger Klicks ermitteln, welche die beste Route für eine Auslieferung ist, auch wenn mehrere Kunden hintereinander mit Ware versorgt werden. Diese Information bekommt der zuständige Fahrer anschließend auf sein Navigationsgerät im Lkw gespielt. Hat der Kunde die Ware entgegengenommen, wird dies vom Fahrer im System vermerkt und der Disponent im Lager automatisch über den Status informiert. Das gilt auch für Beanstandungen, etwa wenn Material durch den Transport beschädigt wurde, etwas fehlt oder eine Lieferung vor Ort nicht abgeladen werden kann. In solchen Fällen hat der Fahrer die Möglichkeit, das Problem per Foto zu dokumentieren und an den Innendienst weiterzuleiten. Die zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können umgehend darauf reagieren und in den Dialog mit dem Kunden treten bzw. fehlende oder beschädigte Ware nachordern. „Seit der Einführung der Tourenplanung haben unsere Disponenten eine wichtige Schlüsselfunktion. Sie sorgen dafür, dass die Ware schnell und effizient geliefert wird“, erklärt Klaus-Peter Morgenstern, Vti-Key-Account Manager. „Das kommt nicht nur den Kunden zugute, sondern auch der Umwelt. Jeder nicht gefahrene Kilometer spart CO₂. Es geht bei der Tourenplanung aber nicht nur darum, dass die Standorte ihre eigenen Routen effizient planen und das Material somit schneller am Ziel ankommt, sondern auch um die Vernetzung der Disponenten untereinander. „Sie stehen immer im Austausch. Das ermöglicht, dass sich verschiedene Standorte bzw. Fahrer auch spontan mit Material aushelfen können“, sagt Morgenstern. Um den Kundenservice weiter zu verbessern, soll noch ein SMS-Service an das Tourenplan-System angedockt werden. Da alle Lkw der Wego/Vti-Flotte mit GPS-Trackern ausgestattet sind, bekommen die Kunden dann automatisch eine Benachrichtigung, wenn der Fahrer samt Ware in den nächsten 30 Minuten eintrifft, und können sich entsprechend vorbereiten. Das GPS-Tracking hat aber noch einen weiteren Vorteil: Dadurch wissen die Lageristen, welcher Lkw der Wego/Vti-Flotte gerade auf dem Weg zurück ins Lager ist und können die Ware für die nächste Lieferung vorbereiten.

Der Baustoffhändler betreibt über 50 Standorte in Deutschland. Einige sind auf Material für die Technische Isolierung spezialisiert, darunter das Vti-Lager in München-Eching. (Quelle: Wego Systembaustoffe GmbH)

Elektrische Lagerhelfer

Aufgrund des hohen Umschlagvolumens ist der Geräuschpegel in den bundesweit über 50 Lagern von Wego/Vti relativ hoch. Doch das soll sich ändern. In den nächsten Jahren will der Baustoffhändler flächendeckend auf E-Stapler umstellen und damit die Lärm- und die Umweltbelastung reduzieren. Zwei sind bereits testweise in der Frankfurter Lärchenstraße im Einsatz. Mit zufriedenstellendem Ergebnis, auch was die Leistung betrifft: über Nacht geladen, halten sie die ganze Schicht. Neben der Lärmreduktion und der Emissionsfreiheit bieten die elektrischen Helfer aber noch einen weiteren Vorteil: Sie sorgen für mehr Arbeitssicherheit. Jedes Fahrzeug sowie die Wände und Regale in einem Lager können mit Sensoren ausgestattet werden. Gleiches gilt für die Personen, die sich dort aufhalten. Die Sensoren sind in der Lage, frühzeitig vor unterschiedlichen Gefahren zu warnen, etwa vor Zusammenstößen zwischen Mensch und Maschine. Zudem lassen sich Höchstgeschwindigkeitszonen definieren, in denen das System die Geschwindigkeit der E-Stapler drosselt und damit Unfälle verhindert. „Leider gab es in der Vergangenheit bereits Unfälle mit Gabelstaplern“, sagt Andreas Mas Casellas. „Dank Sensoren können die E-Stapler Gefahren erkennen und reagieren. Damit wollen wir auf lange Sicht an allen Standorten Unfälle verhindern. Arbeitssicherheit für Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten hat bei uns höchste Priorität.“

Künftig sollen aber nicht nur die Gabelstapler auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Auch die Lkw-Flotte wird modernisiert und nach und nach durch neue Modelle ersetzt. Diese sind mit Sicherheitsfeatures wie Rückfahrkameras oder Abbiegeassistenten ausgestattet. Zudem ist deren CO₂-Ausstoß deutlich geringer. Wego/Vti will aber noch einen Schritt weiter gehen. „Bei den Gabelstaplern und je nach Wunsch auch bei Dienstwagen setzen wir schon auf E-Antrieb. Was unsere Lkw-Flotte betrifft, sind wir langfristig dafür ebenfalls offen. Frankfurt wäre aufgrund der kurzen Lieferwege und zahlreichen Ladepunkte ein idealer Standort für erste Testversuche“, sagt Andreas Mas Casellas. „Derzeit prüfen wir bereits Möglichkeiten für E-Lkw.“

Die TI-Readaktion zu Gast bei Wego/Vti: Andreas Mas Casellas, Bereichsleiter Operations bei Wego/Vti, Maike Walter, Redaktion TI und Klaus-Peter Morgenstern, Vti-Key-Account Manager (v.l.n.r.) (Quelle: Wego Systembaustoffe GmbH)

Das geht, trotz Baustoff

Das Ziel, die Lieferkette stärker zu digitalisieren, hat sich Wego/Vti bereits vor einigen Jahren gesetzt. Corona hat allerdings dafür gesorgt, dass viele der internen Digitalisierungsprozesse deutlich schneller in den virtuellen Raum verlagert wurden als geplant. So konnten mit Pandemie-Beginn im März 2020 alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bei denen es möglich war, innerhalb von zwei Wochen ins Homeoffice umsiedeln. Fast alle wichtigen Prozesse laufen über eine digitale Kommunikationsplattform – daran soll auch eine in Zukunft wieder verstärkte Rückkehr in die Büros nichts ändern.  „Unter normalen Bedingungen hätten viele Prozesse sicherlich noch eine ganze Zeit gedauert. Durch Corona ging das aber innerhalb kürzester Zeit“, berichtet Klaus-Peter Morgenstern. „Es gibt ja den scherzhaften Ausdruck: ‚Das geht nicht, weil Baustoff!‘. Was die Digitalisierung in unserem Unternehmen betrifft, hat sich in den letzten Monaten gezeigt, dass das nicht stimmt.“ Was die Branche als Ganzes angeht, sieht Klaus-Peter Morgenstern in Sachen Digitalisierung an vielen Stellen allerdings noch Nachholbedarf. „Das Telefon ist für viele unserer Kunden weiterhin das liebste Kommunikationsmittel. Und selbst das Fax kommt für manche Bestellungen noch zum Einsatz. Das ist zwar legitim, aber eher umständlich.“ Das Ziel von Wego/Vti ist es, die eigenen Kunden bei der Verlagerung der Prozesse in den digitalen Raum zu begleiten. „Wir starten damit, unsere Lieferkette zu digitalisieren. Wenn unsere Kunden merken, dass es neue und praktische Features gibt, die sie im Austausch mit uns nutzen können, gehen sie häufig mit.“ Das bedeutet allerdings in vielen Fällen, in den bestehenden Systemen individuelle Schnittstellen beim Enterprise-Resource-Planning (ERP) zu schaffen. „Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Langfristig wird sich das aber auszahlen“, ist sich Klaus-Peter Morgenstern sicher. Trotz des zunehmenden Einsatzes digitaler Hilfsmittel sei es für Wego/Vti aber weiterhin unverzichtbar, den persönlichen Austausch mit den Kunden aufrechtzuerhalten: „Die zwischenmenschliche Kommunikation ist zen­tral, auch um immer wieder ‚out of the box‘ zu denken und gemeinsam neue Lösungen zu erarbeiten. Nur wenn wir offen kommunizieren, wissen wir, was auf der Baustelle oder beim Kunden los ist, und können das Optimum für den Kunden herausholen. Das geht nur im direkten Dialog.“

BIM gewinnt an Stellenwert

Im Kontext der Digitalisierung spielt auch das Building Information Modeling (BIM) eine immer wichtigere Rolle. Derzeit steckt das Thema in der Isolierbranche noch in den Kinderschuhen. Das werde sich in den kommenden Jahren allerdings ändern, sagt Klaus-Peter Morgenstern. „In BIM kann jede Information hinterlegt werden. Dadurch wissen wir als Händler z.B. automatisch, wie viel Meter Rohrschale wann wohin geliefert werden müssen. Und die ausführenden Betriebe sehen, wann sie was wo verarbeiten sollen. Jeder Schritt und somit auch jede Freigabe kann hinterlegt werden.“ Bis das vernetzte Arbeiten in BIM Normalität ist, könne es jedoch noch Jahre dauern. „Die großen Unternehmen werden die Treiber sein. Denn mithilfe von BIM lassen sich Fixkosten reduzieren. Der Invest ist allerdings gigantisch, weshalb das nicht von heute auf morgen geht. Die kleinen und mittelständischen Handwerksbetriebe werden nach und nach mitziehen, wenn sich erste Prozesse etabliert haben.“

Live-Demo vor Ort: Seit einigen Monaten werden der Warenein- und -ausgang digital mittels Handgeräten gescannt. Dadurch kann der aktuelle Lagerbestand noch detaillierter erfasst werden. (Quelle: Wego Systembaustoffe GmbH)

Kollege Roboter erstmal nicht im Dienst

In vielen Branchen wie der Pharmaindustrie ist eine automatische Kommissionierung von Waren bereits Standard. Zudem wird in der Öffentlichkeit schon über eine Zustellung von Bestellungen per Drohne diskutiert. Im Baustoffhandel sind solche Modelle noch leise Zukunftsmusik. „Technisch ist in der Logistik bereits vieles möglich. Da wir mit sperrigen Gütern hantieren, ist eine praktische Umsetzung vieler Technologien für uns allerdings schwierig“, sagt Andreas Mas Casellas.  Aus seiner Sicht müsse der Baustoffhandel nicht unbedingt eine Vorreiterrolle einnehmen, sondern sich viel mehr auf die nächsten sinnvollen Schritte fokussieren. „Wir wollen auf die Bedürfnisse aller Geschäftspartner eingehen können, auch auf diejenigen, die noch nicht so digital unterwegs sind. Das bedeutet aber nicht, dass es in Sachen Digitalisierung und Automatisierung nicht auch innovative Lösungen geben kann, die aus dem Baustoffhandel heraus ent­stehen. Und da­ran arbeiten wir heute schon, gemeinsam mit unseren Kunden und Lieferanten.“

zuletzt editiert am 30.11.2021