RM Rudolf Müller

Abb.1: Brandschutz in Industriebauten: Die neue M-IndBauRL schafft mehr Klarheit. (Bild: EFAFLEX Schnelllauftore/Pixabay)

Recht + Regeln
10. Dezember 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Neuheiten der Industriebaurichtlinie zum Brandschutz in der Technischen Isolierung (Teil 2)

Die neue Version der Muster-Industriebaurichtlinie (M-IndBauRL) stellt viele Beschreibungen eindeutiger dar als die Erstfassung von 2014. In Teil 1 dieses Beitrags wurde die M-IndBauRL bereits in ihren Grundzügen mit den Neuerungen für die Technische Isolierung vorgestellt. Teil 2 zeigt weitere Änderungen im Detail auf und weist auf Verbesserungspotenziale hin.

Von Thorsten Maass. Im Mai 2019 wurde die neue Muster-Richtlinie über den baulichen Brandschutz im Industriebau von der Fachkommission Bauaufsicht der Bauministerkonferenz (Argebau) veröffentlicht. Diese ersetzt die Version aus dem Jahr 2014. Neben den hervorgehobenen Anforderungen der Richtlinie zur Sicherstellung der bauordnungsrechtlichen Schutzziele wurden auch Anforderungen an die Technische Isolierung konkretisiert. Das gilt insbesondere für die Abstände von brennbaren Baustoffen und Materialien zu Betriebseinrichtungen, Installationen und Lagerbereichen. In der Richtlinie werden die Schutzziele des § 14 MBO und die Sicherheit der Einsatzkräfte mit folgenden Mindestanforderungen präzisiert:

  • Die Feuerwiderstandsfähigkeit der Bauteile,
  • das Brandverhalten der Baustoffe,
  • die Größe der Brandabschnitte bzw. Brandbekämpfungsabschnitte,
  • die Rettung von Menschen,
  • die Anordnung, Lage und Länge der
  • Rettungswege und
  • wirksame Löscharbeiten.

Im Grundsatz waren diese Anforderungen schon vorher zu beachten und mit dem Fachplaner Brandschutz oder der Fachbauleitung Brandschutz bzw. dem Architekten vor Ort durch die Fachgewerke abzustimmen. In der Praxis wird darauf allerdings häufig verzichtet oder die Abstimmung erfolgt erst im Nachgang. Zu diesem Zeitpunkt sind mögliche Anpassungen jedoch nur noch schwierig umzusetzen und es entstehen hohe Kosten.

Während der Betriebs- und Nutzungsphase werden die betriebliche Vorbeugung gegen Brände und die Arbeitsverfahren mit offener Flamme oder Funkenflug in der Richtlinie hervorgehoben, ebenso wie ausreichende Abstände zu brennbaren Baustoffen und Materialien. Diese Anforderungen verdeutlichen noch einmal die Funktion des Brandschutzbeauftragten oder -verantwortlichen. Grundsätzlich gibt es in jedem Betrieb einen Brandschutzverantwortlichen, Betriebsleiter, Eigentümer oder Geschäftsführer, der ab einer Größe von 5.000 m² Gesamtfläche einen geeigneten Brandschutzbeauftragten zu bestellen hat.

Was wiederum nicht angepasst wurde: Der Widerspruch in Punkt 5.14.5 M-IndBauRL zur maximal alle zwei Jahre durchzuführenden Brandschutz-Belehrung der Betriebsangehörigen zum geltenden Arbeitsstättenrecht mit mindestens jährlich erforderlicher Brandschutzunterweisung.

Abb. 2: Anlagen der technischen Gebäudeausrüstung auf dem Dach (Bild: Thorsten Maass)

Weitere Neuerungen seit 2014

Wie in Teil 1 dieses Beitrags beschrieben wurde, hat sich die Richtlinie im Wesentlichen nicht verändert. Anforderungen wurden vielmehr konkretisiert und praxisorientierte Erfahrungen aufgenommen bzw. erläutert. Weitere Neuerungen werden folgend im Detail beschrieben:

  • Es muss ausreichend Abstand zwischen brennbaren Baustoffen, etwa Isolierungen und Dämmstoffe, und Betriebsanlagen und -einrichtungen sowie Installationen der Gebäudetechnik vorhanden sein oder diese müssen mit geeigneten Vorkehrungen geschützt werden.
  • Im Abschnitt 6 sind z.B. anstelle von Konstruktionen aus nicht brennbaren Baustoffen Holzkonstruktionen zulässig, sofern die Konstruktion nach DIN EN 1995-1-1 bemessen ist, die Holzbauteile eine Mindestquerschnitts-Abmessung von
    12 x 12 cm (bzw. 10 x 10 cm) aufweisen und die Knotenpunkte mit Verbindungsmitteln nach DIN EN 1995-1-2 oder mindestens zweischnittige Stahl-Holz-Verbindungen mit eingeschlitzten Blechen verwendet werden.
  • Die Begriffe „oberirdisches Geschoss“ und „Kellergeschoss“ sind neu in die Richtlinie von 2019 aufgenommen worden und ermöglichen eine differenziertere Betrachtung. Der „erdgeschossige Industriebau“ wurde durch den „eingeschossigen Industriebau“, in dem Kellergeschosse zulässig sind, ersetzt. Bisher wurden in der Praxis auch eingeschossige Industriebauten als erdgeschossige Bauten geplant, was nach der Richtlinie von 2014 nicht zutreffend und damit nicht genehmigungsfähig war. Die Anpassung ist eine Erleichterung.
  • Ferner wurden die Anforderungen an Geschosse, besonders an Geschosse unter der Geländeoberfläche, eindeutiger formuliert. Dadurch dürfen betriebstechnische Einrichtungen oberirdischer Geschosse unter bestimmten Voraussetzungen auch mehr als einen Meter unter der Geländeoberfläche angeordnet werden.
  • Der Begriff „Geschosse“ wurde äquivalent zur Musterbauordnung beschrieben: „Geschosse sind oberirdische Geschosse, wenn ihre Deckenoberkanten im Mittel mehr als 1,4 m über die Geländeoberfläche hinausragen. Im Übrigen sind sie Kellergeschosse.“
  • Zusätzlich wurden Erleichterungen für Anlagen und Räume der technischen Gebäudeausrüstung, die auf dem Dach angeordnet sind, festgeschrieben. Sofern sie nur vorübergehend zu Wartungs- und Kontrollzwecken begangen werden, sind sie nicht als Geschosse zu bewerten und damit brandschutztechnisch nicht bemessen. Grundsätzlich können die am Bau Beteiligten mit dieser Klarstellung bei einer guten Planung Baukosten im Bereich der technischen Gebäudeausrüstung sparen, was wiederum aufgrund der ggf. längeren Versorgungsleitungen höhere Auftragsvolumina für die Isolierungsbranche bedeutet Die Vorgaben zu Ebenen und Einbauten wurden nicht verändert.
  • Bisher durften brennbare Stoffe vor Außenwänden nicht ohne weitere Maßnahmen gelagert werden, wenn der Industriebau nach Abschnitt 6 ausgelegt wurde. In der Novellierung muss kein Abstand mehr eingehalten werden, wenn der Lagerbereich vor der Außenwand innerhalb der zulässigen Brandabschnittsfläche liegt (vgl. Abschnitt 5.12).
  • In Abschnitt 5.13 wurde eine in der Praxis oft angewandte Umsetzung an zusammenhängenden Dachflächen von mehr als 2.500 m2 aufgenommen: Aus geschlossenen Stahltrapezprofilen mit einer Mindestblechdicke tN = 0,75 mm und harter Bedachung aus nicht bituminöser Dampfsperre, nicht brennbaren Dämmstoffen und Kunststoff-Dachbahnen.
  • Im Nachweisverfahren nach Abschnitt 6 hat sich nichts Grundlegendes geändert. Neu aufgenommen wurde die Möglichkeit des nachhaltigen Bauens. Anstelle von Konstruktionen aus nicht brennbaren Baustoffen sind nun auch Holzkonstruktionen zulässig. Die Vorgaben nach der Tabelle 2 in Abschnitt 6 sind zu beachten.
  • Im Nachweisverfahren mit Brandlastermittlung in Abschnitt 7 ergeben sich für Planer keine grundlegenden Änderungen. Neben der Industriebaurichtlinie sind die Erläuterungen der DIN 18230-1 in der aktuellen Fassung von September 2010 zu beachten. Im Wesentlichen wurden die Differenzierungen der Brandbekämpfungsabschnittsflächen bis und ab
    000 m2 verständlicher beschrieben. In diesem Zusammenhang wurde auch die Tabelle 5 verändert, sodass bei einer äquivalenten Branddauer von 0 Min. in den verschiedenen Sicherheitskategorien größere Grundflächen der Geschosse und Ebenen eines Brandbekämpfungsabschnittes möglich sind. Eine äquivalente Branddauer von ≤ 5 Min. ist hingegen nicht mehr zulässig.
  • Im letzten Nachweisverfahren nach den Methoden des Brandschutzingenieurwesens wurden die Beschreibungen zur Nachweisführung gekürzt und auf die oben genannte DIN 18009-1 verwiesen bzw. diese im Industriebau als Technische Baubestimmung eingeführt.

Tabelle 1: Übersicht über die Vorgaben in den Bundesländern (Quelle: Richtlinie über den baulichen Brandschutz im Industriebau; Muster-Richtlinie über den baulichen Brandschutz im Industriebau / Stand: 26.10.2020)

Fazit

Im Vergleich zur Version der Richtlinie von 2014 sind in der neuen Fassung zahlreiche Detailregelungen vorgenommen worden – deren Notwendigkeit hat sich erst bei der praktischen Anwendung herausgestellt.
Durch Modifizierungen zum Zweck und zu den allgemeinen Anforderungen der Richtlinie werden zahlreiche Vorgaben jetzt eindeutiger beschrieben.

Neben der Aufnahme der Holzkonstruktionen in Abschnitt 6 für nachhaltiges Bauen, der Einführung der DIN 18009-1 sowie den Anpassungen im Nachweisverfahren nach Abschnitt 7 sind besonders die Sicherheitsaspekte für die Einsatzkräfte und die Rettung von Menschen berücksichtigt. Im Grundsatz ist die Muster-Industriebaurichtlinie schutzzielorientiert strukturiert und ermöglicht die sichere Durchführung von Löschmaßnahmen durch die Feuerwehr. Denn es wird davon ausgegangen, dass die Personen das Objekt bis zum Eintreffen der Feuerwehr bereits verlassen haben und der Bauherr für den Sachwertschutz geeignete Maßnahmen vorgehalten hat.

Aufgrund des föderalen Prinzips im Bauordnungsrecht muss die Richtlinie als Musterrichtlinie oder in einer länderspezifischen Fassung in den Bundesländern durch die Ministerien als verbindliche Rechtsgrundlage erlassen werden. Die Richtlinie wird künftig sukzessive in einzelnen Bundesländern, ggf. in eigener Fassung, eingeführt (s. Tabelle 1). Berlin, Brandenburg, das Saarland und einige weitere Länder haben sie bereits unverändert übernommen.

Die neue M-IndBauRL stellt viele Beschreibungen eindeutiger dar, wird alle bisherigen Problemstellungen jedoch nicht abschließend klären. Es bleibt abzuwarten, wann die ersten Erläuterungen der Bauministerkonferenz veröffentlicht werden. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass bei jedem Bauvorhaben eine regelmäßige Abstimmung mit allen am Bau beteiligten Personen elementar ist.

Zwingend sollte auch eine Abstimmung mit der Feuerwehr (Brandschutzdienststelle) und dem Fachplaner Brandschutz erfolgen, um die Möglichkeiten und Einsatzplanungen des abwehrenden Brandschutzes mit den objektspezifischen Gegebenheiten abzugleichen und eine optimale Lösung zu finden. Darüber hinaus sind die Sicherheitsaspekte für die Einsatzkräfte und die Rettung von Menschen zu gewährleisten.

Teil 1 des Artikels ist in Ausgabe 3.2020 (August 2020) des TI Magazins erschienen und stellt die Grundzügen der Neuerungen der M-IndBauRL für die Technische Isolierung vor.


Autor

Thorsten Maass (M. Sc.): Brandschutz- und Sicherheitsingenieur; Sachverständiger für den vorbeugenden Brandschutz; INGSA GmbH Ingenieure & Sachverständige
t.maass@ingsa.de


Quellen / Literatur

[1] www.is-argebau.de

[2] www.bauministerkonferenz.de/verzeichnis.aspx?id=991&o=759O986O991

[3] Musterbauordnung (MBO), Fassung November 2002, zuletzt geändert am 13.05.2016

[4] Muster-Richtlinie über den baulichen Brandschutz im Industriebau, Stand Juli 2014

[5] Muster-Richtlinie über den baulichen Brandschutz im Industriebau, Stand Mai 2019

[6] Erläuterungen zur Muster-Richtlinie über den baulichen Brandschutz im Industriebau, Stand Juli 2014

[7] DIN 18009-1:2016-09 Brandschutzingenieurwesen – Teil 1: Grundsätze und Regeln für die Anwendung

[8] DIN 18230-1:2010-09 Baulicher Brandschutz im Industriebau – Teil 1: Rechnerisch erforderliche Feuerwiderstandsdauer

Der Beitrag ist auch in Ausgabe 4.2020 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (November 2020) erschienen.

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