Ungedämmte Anlagenteile, sichtbar durch Thermografiekamera
Rund 10 % der Bauteile in Industrieanlagen, die gedämmt werden können, sind ungedämmt oder ihre Dämmung ist schlecht in Stand gehalten. Die Thermografie-Aufnahme zeigt: Der Wärmeverlust ist in diesen Bereichen erheblich. (Quelle: EiiF)

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26. April 2022 | Teilen auf:

"Hohe CO2-Preise verkürzen die Amortisationszeit für Dämmungen auf unter ein Jahr"

Im Gespräch mit Andreas Gürtler, Stiftungsdirektor der European Industrial Insulation Foundation (EiiF)

Die CO2-Preise sind stark gestiegen. Investitionen in die Dämmung betriebstechnischer Anlagen haben sich daher innerhalb kürzester Zeit amortisiert. Im Interview mit TI Technische Isolierung berichtet Andreas Gürtler, Stiftungsdirektor der European Industrial Insulation Foundation (EiiF), wie hoch das Einsparpotenzial ist und was das für ausführende Isolierunternehmen bedeutet.

TI: Herr Gürtler, die CO2- und Energiekosten sind deutlich gestiegen und tun es weiterhin. Was heißt das für Anlagenbetreiber?

Andreas Gürtler: Wir von der EiiF rechnen mit einer stark steigenden Nachfrage nach technischen Dämmlösungen für betriebstechnische Anlagen. Man muss sich nur einmal vorstellen, was ein aktueller CO2-Preis von knapp 100 € pro Tonne für ein produzierendes Unternehmen bedeutet. Nehmen wir als Beispiel eine Verzinkungsanlage in Eisenhüttenstadt, die am europäischen Emissionshandel beteiligt ist: Im Jahr 2016 musste sie für jede Tonne CO2, die sie zu viel produzierte, lediglich 5 € bezahlen. Das waren zu dem Zeitpunkt rund 6.000 Tonne CO2 und entsprechend 30.000 €. Im Jahr 2020 musste sie bereits für etwas mehr als 5.000 Tonnen zu viel produzierter CO2-Emissionen am Markt Rechte für rund 50 € pro Tonne einkaufen. Die Kosten beliefen sich also auf 250.000 € statt auf 30.000 €.

Sollte die Verzinkungsanlage auch im Jahr 2022 wieder Emissionsrechte für rund 5.000 Tonnen CO2 einkaufen müssen – vorausgesetzt der CO2 Preis liegt weiter, wie derzeit, bei 100 € oder sogar darüber – kämen auf den Stahlhersteller CO2-Kosten von mindestens einer halben Mio. Euro zu. Er produziert also deutlich teurer, hat aber weder an seiner Produktion noch an der Qualität seiner Produkte etwas verbessert.

Grafik
Beim Emissionshandel erhalten teilnehmende Firmen Emissionsrechte. Diese sind begrenzt und werden jedes Jahr reduziert. Stimmt die Anzahl der Emissionsrechte (Zuteilung, allocation) mit den Emissionen überein, erfüllt die Anlage die Anforderungen. Gibt sie mehr Emissionen ab, müssen weitere Emissionsrechte erworben werden. Für diese sind die Kosten im Februar 2022 auf bis zu 100€/tCO2 gestiegen. Die Grafik zeigt das Beispiel einer Verzinkungsanlage (Quelle: euets.info). (Quelle: Highcharts.com)

Das ist ein sehr drastisches Beispiel. Werden auch alle anderen Industrieunternehmen in gleicher Weise betroffen sein?

Es gibt natürlich Unterschiede. Nicht alle Industrieunternehmen produzieren mehr Emissionen als sie Zertifikate zur Verfügung haben. Wer weniger Emissionen an die Umwelt abgibt, als er freie Emissionsrechte erhält, kann diese jetzt sehr lohnend an Firmen verkaufen, die zu viel CO2 ausstoßen. Das bedeutet, dass es sich auch für diese Unternehmen sehr schnell rechnet, wenn sie in technische Dämmsysteme investieren und dadurch CO2 einsparen.

TI: Wie hoch ist das Einsparpotenzial?

Andreas Gürtler: Es ist sehr hoch: Die EiiF-Studie aus dem Jahr 2021 schätzt allein für die deutsche Stahlindustrie ein Einsparpotenzial von rund 700.000 Tonnen CO2-Äquivalent, sollten die Dämmsysteme in den deutschen Stahlwerken konsequent auf das Niveau der VDI-4610 Energieklasse C gebracht werden. Das entspräche bei einem CO2-Marktwert von 100 € pro Tonne einem finanziellen Potenzial von 70 Mio. €. Mit diesem Betrag könnten die Stahlproduzenten tausende Kilometer Rohrleitung mit energieeffizienter Dämmung einpacken und auf Jahre ihren Energieverbrauch und die damit verbundenen Kosten wirkungsvoll reduzieren.

TI: Daraus ergeben sich sehr positive Zukunftsaussichten für Dämmunternehmen. Was müssen Isolierer jetzt tun, um dieses Geschäftspotenzial zu realisieren?

Andreas Gürtler: Das ist eine sehr wichtige Frage. Wir sehen im Moment, dass sich in der Industrie – egal ob groß oder Mittelstand – etwas tut. Das Management der Betreiber übt angesichts der gestiegenen Produktionskosten immer mehr Druck auf seine Energiemanager aus. Dieser Druck kommt allerdings heute noch nicht immer in der Produktion an, z.B. beim Instandhalter. Isolierbetriebe sollten deshalb mit den Energie- oder Umweltverantwortlichen Kontakt aufnehmen, die den Druck von oben abbekommen, und ihnen zeigen, dass sie an der Stelle unterstützen können. Mit der TBI-App der EiiF, oder im besten Fall mit einem richtigen TIPCHECK, lässt sich das Einsparpotenzial und die entsprechende Dämmlösung aufzeigen. So kann man Instandhalter überzeugen, die, sofern sie geschäftstüchtig sind, künftig sicher nicht für unnötig produzierte und teure CO2-Emissionen verantwortlich sein wollen.

TI: Welchen Einfluss haben die CO2-Preise auf die Amortisationszeiten von technischen Dämmsystemen?

Andreas Gürtler: Hier müssen wir derzeit neu rechnen. In den vergangenen Jahren und bei unseren ersten 2.500 TIPCHECKs lagen die Amortisationszeiten für ungedämmte und beschädigte Anlagenbauteile auf Basis eines industriellen Energiepreises von 3 Cent pro Kilowattstunde bei durchschnittlich zwei Jahren.

Angesichts der heutigen Energie- und CO2-Preise fallen diese jetzt aber deutlich kürzer aus und betragen zum Teil nur noch wenige Monate. Das heißt: Eine Dämmmaßnahme zahlt Anlagenbetreibern schon im Jahr der Installation die Investitionskosten zurück. Für den Rest der Anlagenlaufzeit hilft sie ihm darüber hinaus beim Sparen – und zwar Geld, Energie und Emissionen.
Wer heute in eine Dämmlösung investiert, legt sich zudem auf die nächsten Jahre fest und kann, wenn sie energieeffizient mit mindestens Energieklasse C ausgelegt ist, das zukünftige Risiko steigender Emissions- und Energiepreise deutlich minimieren.

Herr Gürtler, Danke für die sehr interessanten Einblicke.

Das Interview ist auch in Ausgabe 1.2022 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (Februar 2022) erschienen.

zuletzt editiert am 24.11.2022