Bahaa Eddin Hanifeh in der Werkstatt bei Dr. Klameth Industrietechnik.
Bahaa Eddin Hanifeh in der Werkstatt bei Dr. Klameth Industrietechnik. Hier hat er gelernt, was er für den Berufsalltag braucht. (Quelle: Redaktion TI)

Branchen-News

25. April 2022 | Teilen auf:

Aufmaß: In dieser Rubrik sprechen wir mit Menschen aus der Branche über ihren Werdegang, aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven. In der vierten Folge der Interviewserie kommt Bahaa Eddin Hanifeh zu Wort. Er hat im Sommer 2021 seine Ausbildung zum Industrie- Isolierer bei Dr. Klameth Industrietechnik in Herne abgeschlossen und bei der Meisterschaft der Industrie-Isolierer 2021 den ersten Platz belegt. Nicht selbstverständlich, denn Bahaa lebt erst seit wenigen Jahren in Deutschland und musste zunächst ganz andere Hürden bewältigen.

Bahaa, du hast deine Ausbildung zum Industrie-Isolierer erfolgreich beendet und bist sogar Deutscher Meister der Industrie-Isolierer 2021 geworden. Herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet das für dich?

Bahaa: Das bedeutet mir sehr viel. Ich hatte kurz nach der Meisterschaft einen Termin bei der Ausländerbehörde und habe dem Betreuer erzählt, dass ich mit der Ausbildung fertig bin. Darauf kam zunächst die Antwort, dass das bei den meisten der ganz normale Weg ist. Aber als ich dann erzählt habe, dass ich die Ausbildung als Bester abgeschlossen habe und auch noch Deutscher Meister geworden bin, dann war er begeistert und meinte: ‚Das ist etwas Besonderes!‘

Was Bahaa besonders an seinem Beruf als Industrie-Isolierer gefällt: Die handwerkliche Arbeit am Blech. (Quelle: ABZ Hamm)

Hast du während der Meisterschaft geahnt, dass du es schaffen kannst?

Insgesamt waren die Aufgaben nicht so schwierig wie ich vorher dachte. Das Problem war eher die Zeit. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich rechtzeitig mit den Aufgaben fertig werde. Am Ende hat es gerade so gepasst und ich habe es geschafft.

Du bist jetzt Industrie-Isolierer. Hat sich durch den Abschluss etwas geändert?

Nein, nicht wirklich. Ich bin natürlich kein Auszubildender mehr und auch nicht mehr der Jüngste. Wir haben einen neuen Azubi. Er ist auch Syrer und ich habe ihm die Ausbildung bei Klameth empfohlen. Aber ansonsten ist es nicht viel anders als vorher – außer, dass ich mehr Geld verdiene. Die Arbeit ist die gleiche und auch im Umgang mit den Kollegen hat sich nichts geändert. Ich fühle mich immer noch wohl.

Du stammst aus Syrien. Wie bist du nach Deutschland gekommen?

Meine Familie und ich sind aus Syrien in den Libanon geflüchtet. Aber auch dort waren die Lebensbedingungen nicht besonders gut. Irgendwann konnten wir unsere Papiere nicht mehr verlängern und mussten uns illegal im Land aufhalten. Das war kein schönes Gefühl. Deshalb haben mein Bruder und ich uns auf den Weg nach Deutschland gemacht. Wir sind zuerst mit dem Flugzeug in die Türkei geflogen und von da ging es für uns weiter nach Griechenland, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Tschechien.
Wir sind in Tschechien in einen Zug nach Berlin gestiegen, weil wir dort eine Bekannte haben, die uns helfen wollte. Aber unterwegs hat uns die Polizei erwischt und wir mussten in Chemnitz aussteigen. Plötzlich hat jemand gesagt W elcome to Germany‘ Das war erstmal eine Erleichterung, weil wir wussten, dass wir zumindest schon mal in Deutschland sind. Das war Ende 2016.

Was ist danach passiert?

Man hat uns in Chemnitz die Papiere abgenommen und wir sind in eine Flüchtlingsunterkunft gekommen. Hier musste ich sieben Monate bleiben, bis ich 18 Jahre alt war und endlich eine Anerkennung bekommen habe. Das Schlimmste war das Nichtstun. Ich habe damals einen Brief an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geschrieben, dass ich gerne in die Schule gehen möchte, aber ich durfte nicht. Und arbeiten durfte ich auch nicht, ich konnte nur herumsitzen. Als ich endlich 18 Jahre wurde, musste ich unterschreiben, dass ich keinen Familiennachzug beantrage. Erst danach habe ich meine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Mein Bruder ist etwas älter und hatte die Anerkennung früher. Zu der Zeit wohnte er in einer 2-Zimmer-Wohnung in Recklinghausen, da bin ich dann eingezogen.

Wie ging es für dich weiter, als du in Recklinghausen angekommen bist?

Ich war am Anfang zwei Wochen in einer Sprachschule. Aber mir war klar, dass das nicht ausreicht, wenn ich in Deutschland Fuß fassen möchte. Deshalb habe ich mich an einer Realschule angemeldet und schnell die Zusage bekommen. Es gab noch drei weitere Flüchtlinge. Eine Lehrerin hat uns allen nach der Schule geholfen, besser Deutsch zu lernen. Deutsch ist sehr schwer, aber es wird immer einfacher.

Quelle: Redaktion TI

Du bist über eine Integrationsmaßnahme zu Dr. Klameth Industrietechnik gekommen. Wie lief das ab?

Ich war damals in der 10. Klasse der Realschule. Ich hatte mich für ein Förderprogramm angemeldet, zu dem ich ein halbes Jahr nach der Schule für zwei Stunden hingegangen bin. Hier haben wir ein bisschen Mathe und andere Fächer wiederholt. Über das Programm konnte ich mehrere Praktika machen. Ich habe mich auch für ein dreiwöchiges Praktikum bei Dr. Klameth Industrietechnik beworben. Es hat mir gut gefallen und ich habe mich wohl gefühlt, weshalb ich hier am Ende auch gerne meine Ausbildung machen wollte.

Hattest du vorher eine Ahnung, was dich als Industrie-Isolierer erwartet?

Nein, eigentlich wollte ich immer Tischler werden, wie mein Vater. Aber in Deutschland wird in Tischlereien schon viel mit Maschinen gearbeitet und ich möchte lieber etwas mit den Händen fertigen. Als ich mehrere Praktika gemacht habe, fand ich zunächst Industrie-Mechaniker interessant. Ich wusste damals gar nicht, was Industrie-Isolierung ist. Aber das Praktikum bei Klameth hat sich interessant angehört und deshalb habe ich es probiert. Und es hat mir sehr gefallen.

Was waren die größten Schwierigkeiten für dich während der Ausbildung?

Das schwerste an der Ausbildung waren die vielen Fachbegriffe. Von denen hatte ich in der Schule oder im Deutschkurs noch nie etwas gehört. Das ist auch heute manchmal noch so: Wenn ich die übersetzen will, gibt es oft gar keine Übersetzung. Aber sonst hat in der Ausbildung alles gut funktioniert.

Deine überbetriebliche Ausbildung hast du in Hamm gemacht. Wie war das?

Am Anfang gab es ein paar Probleme mit meinen Zimmernachbarn. Wir haben uns manchmal gestritten. Aber dann haben wir uns hingesetzt und darüber geredet.
Und danach waren wir bis zum Ende der Ausbildung in Hamm immer in einem Zimmer. Es hat Spaß gemacht. Wir haben viel unternommen, waren im Fitnessraum oder haben Billard und Fußball gespielt. Leider sehen wir uns jetzt nicht mehr, weil wir alle woanders wohnen. Das ist schade.

„Wir freuen uns sehr, dass Bahaa die Deutsche Meisterschaft der Industrie-Isolierer gewonnen hat. Umso schöner ist es, dass er nach der Ausbildung weiter für uns arbeiten möchte und Teil unseres Teams bleibt.“ Markus Klameth, Geschäftsführer Dr. Klameth Industrietechnik GmbH (Quelle: TI Redaktion)

Fühlst du dich in Deutschland mittlerweile zuhause?

Es gefällt mir hier, ich habe Freunde und Bekannte. Aber was fehlt, ist die Familie. Meine Eltern sind noch im Libanon. Es ist mittlerweile noch schwieriger geworden, nach Deutschland zu kommen. Deswegen werden sie erst einmal dortbleiben. Aber wir haben viel Kontakt. Ich möchte bald versuchen, in den Libanon zu fliegen, um sie zu besuchen. Vielleicht können meine Eltern auch mal nach Deutschland zu Besuch kommen. Aber das ist schwierig, auch wegen Corona. Mein Bruder wohnt mittlerweile in Heidelberg. Es geht im gesundheitlich nicht so gut, seitdem wir geflohen sind. Aber ich bin insgesamt natürlich froh, hier zu sein.

Was macht dir an deinem Beruf am meisten Spaß?

Ich arbeite gerne mit den Händen. Man kann große Objekte herstellen und wenn man fertig ist, denkt man: ‚Wow, das habe ich gebaut!‘ Man kann viele Sachen aus Blech herstellen, das gefällt mir sehr gut. Ich finde es toll, dass der Beruf so abwechslungsreich ist. Ich kann sowohl vorrichten als auch montieren. Deshalb bin ich manchmal in der Werkstatt und manchmal auf Baustellen. Jeder Tag sieht anders aus. Und wir machen auch nicht nur Isolierungen, wir bauen auch Schallschutzkabinen. Ich war öfter schon mal im Ausland auf Montage, zum Beispiel in der Schweiz. Dann kann man auch mal etwas anderes sehen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich möchte irgendwann den Techniker oder den Meister machen. Dann kann ich später vielleicht mal eine eigene Firma gründen. Und ich könnte selbst ausbilden. Das fände ich schön.

Bahaa, Danke für deine Offenheit und viel Erfolg für
deinen weiteren Lebensweg.


Das Interview führte Maike Walter.

zuletzt editiert am 27.04.2022