Abb. 1: Neue Perspektiven: Building Information Modeling ist kein reines Digitalisierungs-Thema. Es ändert auch interne und externe Prozesse bei beteiligten Unternehmen. (Bild: MichaelGaida auf Pixabay)
Abb. 1: Neue Perspektiven: Building Information Modeling ist kein reines Digitalisierungs-Thema. Es ändert auch interne und externe Prozesse bei beteiligten Unternehmen. (Bild: MichaelGaida auf Pixabay)

Planung

07. December 2020 | Teilen auf:

Building Information Modeling: So verändert BIM die Prozesse

Seit einigen Jahren ist Building Information Modeling (BIM) in aller Munde. Vor allem bei Großprojekten gilt es als Wundermittel gegen Kostenexplosion und Terminverzug. Wer sein Bauprojekt mit BIM umsetzen will, muss jedoch so manche liebgewonnenen Geschäfts- und Projektabläufe anpassen. Was dabei zu beachten ist und wie das gelingen kann.

Von Peter Liebsch. Der Bund hat im Juni 2019 die Einrichtung eines nationalen BIM-Kompetenzzentrums auf den Weg gebracht, um die Digitalisierung des Bauwesens zu optimieren. „Im Ausbau der digitalen Infrastruktur liegt großes Potenzial, um Planungs- und Bauprozesse zu beschleunigen. Eine digitale Bauakte etwa ermöglicht eine bessere Zusammenarbeit zwischen allen am Bauprozess beteiligten Akteuren von der Planung bis zur Bauabnahme“, erklärte Dr. Andreas Mattner, Präsident des ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss, Spitzenverband der Immobilienwirtschaft, und Gründungsgesellschafter von planen-bauen 4.0. Die Gesellschaft soll das BIM-Kompetenzzentrum betreiben.

„Durch die Weiterentwicklung des BIM werden Mehrfacheingaben durch die jeweils beteiligten Fachplaner vermieden, Arbeitsabläufe effizienter und Planungs- und Ausführungsqualitäten gesteigert. Das Potenzial, das sich hieraus für die Entlastung angespannter Großstädte und Ballungsregionen ergibt, muss entlang der gesamten Wertschöpfungskette – Planen, Bauen und Betreiben – gehoben werden“, so Mattner weiter.

BIM 2019: Ergebnisse einer Studie

Eine Befragung von Bauakteuren durch den Marktdatenanbieter Bauinfoconsult zeigte Anfang Juli 2019, dass sich der deutsche Bau immer stärker digitalisiert und sich Building Information Modeling als Akteur mehr ins Rampenlicht drängt. Die Studie macht außerdem deutlich, dass sich viele Bauakteure auf eine kleine Revolution am Bau einstellen. Im Vergleich zu vor rund zwei Jahren nutzen nicht nur immer mehr Player am Bau BIM, sondern auch die Hoffnung wird größer, dass sich durch BIM eine weitreichende Prozessoptimierung einstellen wird.

Allerdings deuten die Studienergebnisse gleichzeitig darauf hin, dass die Nachfrage auf Kundenseite nach BIM-Bauprojekten noch gering ist und die Bauprofis viele unterschiedliche Problemfelder rund um den Einsatz erkennen und erwarten. Zudem wird Building Information Modeling noch nicht als merklich umsatzrelevant eingeschätzt. Auch der finanzielle sowie der persönliche Investitionsaufwand einer BIM-Einführung werden oft noch gescheut.

Die Amortisationsdauer einer Umstellung auf BIM wird von vielen Interviewten sehr hoch angesetzt – im Schnitt mehr als zwei Jahrzehnte. Nichtkompatible, konkurrierende Datenaustauschformate und der noch nicht vollzogene, aber notwendige Mentalitätswandel hin zum digitalen Bauen stehen der Technologie nach Meinung der Nutzer außerdem noch im Wege.

Was genau ist eigentlich BIM?

Building Information Modeling, kurz BIM, ist mittlerweile ein geläufiger Begriff. Es basiert auf einem 3D-Modell und ist ein intelligenter Prozess, der allen Beteiligten eines Bauprojektes – vom Architekten über das Bauunternehmen bis zum Eigentümer und späteren Dienstleistern – Informationen und Werkzeuge bereitstellt, die sie für eine effiziente Planung, den Entwurf, die Konstruktion und die Verwaltung des Gebäudes benötigen.

Kurz gesagt: Mithilfe des Building Information Modeling wird die Digitalisierung aller relevanten Bauwerksinformationen als virtuelles Modell beschrieben.

Gegenüber herkömmlichen IT-Modellen nutzt BIM deutlich mehr Informationen und schafft eine synchronisierte Datenbasis, auf die alle am Bau Beteiligten zugreifen. Denn die Digitalisierung von Planungs- und Bauprozessen bietet eine transparente Steuerung der Projekte und kann dadurch Kosten und Risiken erheblich reduzieren. Mithilfe von BIM können Gebäude digital geplant und virtuell gebaut werden – dann erst real.

Das ermöglicht den Bauherren und Planern noch vor dem eigentlichen Baustart Fehlplanungen und Risiken eines Bauvorhabens zu erkennen und gegenzusteuern.

Welche Prozesse und Vorgänge hinter den Kulissen stattfinden und welche Herausforderungen die Beteiligten bewältigen müssen, bevor sie überhaupt mit BIM arbeiten können, ist dagegen eher wenig bekannt. Unumstritten ist jedoch, dass das Building Information Modeling die jahrzehntelang festgelegten Abläufe in Unternehmen verändert – und das nicht nur in technischer, sondern ebenso in organisatorischer sowie in personeller Hinsicht.

Wer sich mit der Entwicklung von Planungstechniken über die Jahre beschäftigt, stellt fest: Bereits der Übergang vom Zeichenbrett zu den CAD-Programmen hat die Prozesse und Arbeitsweisen bei Bauvorhaben neu geordnet. Pläne wurden nicht mehr klassisch auf Papier gezeichnet, sondern zweidimensional und computergestützt. Mühselige Korrekturen der Zeichnungen und die manuelle Überprüfung blieben den Architekten und Planern erspart.

Was sich jedoch nicht veränderte, waren die Kommunikationswege und der Austausch zwischen den Beteiligten sowie die Anzahl der Abstimmungsrunden und Abläufe. Einzelne Planungsschritte fanden immer noch räumlich sowie inhaltlich getrennt statt und wurden erst im weiteren Planungsprozess zusammengefügt.

Building Information Modeling hat hier einen weitergehenden Anspruch und wird daher nicht umsonst als eine neue Methode der Zusammenarbeit bezeichnet. Denn sie wirkt sich nicht nur auf die Planungsprozesse aus, sondern auch auf die arbeitsorganisatorischen Abläufe und macht damit Anpassungen notwendig.

Firmen benötigen BIM-Experten

Die Evolution, die Building Information Modeling für ein Unternehmen bringt, geht weit über den Kauf einer entsprechenden Software und den Ausbau einer relevanten IT-Infrastruktur hinaus.
Vielmehr betrifft es die organisatorische und personelle Aufstellung im Unternehmen. Bauherren müssen sich also als fragen: Welche Erwartungen habe ich an BIM? Und was will ich damit erreichen? Eine klare Strategie und Definition der Anforderungen sind zwingend erforderlich. Denn davon hängen die Effektivität und die Qualität sowohl eigener Prozesse als auch die der anderen Beteiligten ab, etwa der ausführenden Firmen. Ohne das Verständnis und die Akzeptanz für Building Information Modeling wird es schwierig, das Potenzial der Methode voll auszuschöpfen und die gewünschten Ergebnisse zu erreichen.

Rollen müssen neu definiert werden

Sind die Ziele klar formuliert, können personelle Fragen geklärt werden. Dabei geht es nicht unbedingt nur darum, neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen oder zusätzliche einzubeziehen. Vielmehr ist es wichtig, das BIM-Know-how aufzubauen, Verantwortlichkeiten zu definieren und Rollen neu zu verteilen.

Die Beteiligten – egal ob Bauherr, Architekt oder Planer – müssen finanzielle Mittel und vor allem Zeit investieren, um die Angestellten zu schulen, ihnen Workshops anzubieten und das BIM-Wissen anhand von Pilotprojekten zu praktizieren. Diese Herausforderung ist für alle Beteiligten weit größer als die der technischen Ausrüstung.

Es fehlen Standards für BIM

Trotz des rasanten Aufstiegs der Methode – oder vielleicht auch gerade deshalb – gibt es in Deutschland bisher noch keinen nationalen BIM-Standard. Es fehlt also eine Grundlage, die nicht nur eine einheitliche Definition der Methodik bietet, sondern auch die Verantwortlichkeiten und Funktionsweise sowohl im Planungs- als auch im Geschäftsprozess genau beschreibt. Ohne einen solchen Standard mangelt es an einer organisierten bzw. zertifizierten Ausbildung.

Im deutschsprachigen Raum gibt es bisher wenige Institutionen, etwa den TÜV Süd, die eine Aus- oder Weiterbildung in Building Information Modeling anbieten. Zudem gehört es in einigen Studiengängen zum Lehrplan. Im Vergleich dazu ist etwa in England die BIM-Entwicklung und -Ausbildung bereits viel weiter fortgeschritten. Diese Tatsache erschwert die Regelung der durch die BIM-Anwendung entstandenen neuen Prozesse und Abläufe. Abhilfe schaffen an dieser Stelle Leitfäden oder Handbücher verschiedener Interessens- und Arbeitsgruppen, die zumindest die Begrifflichkeiten, ein einheitliches Rollenverständnis und die Hauptprinzipien der Methode festhalten.

Klare Anforderungen sind A und O

BIM gelingt, wenn die richtigen Informationen zur richtigen Zeit vorliegen. Das gilt bereits für den Ausschreibungsprozess, wenn ein Bauherr seine Anforderungen formuliert. Um die gewünschten Ziele zu erreichen, muss er diese von Anfang an präzise angeben. Schreibt der Bauherr bei einer Ausschreibung z.B. nur, dass das Projekt mit BIM umgesetzt werden soll, so wissen die Planer nicht, was genau von ihnen erwartet wird. Ein BIM-Modell zur Plausibilisierung der Kosten wäre ein Beispiel für eine konkrete Anforderung.

Auch Fragen zu Urheberrechten des Architekten oder Datenschutzbestimmungen gehören von Anfang an geregelt. Denn die Arbeit mit Building Information Modeling stellt ein großes Netzwerk mit vielen Beteiligten dar, in dem unvorstellbare Datenmengen im Umlauf sind (s. Abbildungen 3 u. 4). Unternehmen, die bisher nicht mit BIM gearbeitet haben, schreckt das oftmals ab.

Denn es hört sich vielmehr nach einem Regelsammelsurium als nach einer Vereinfachung und Beschleunigung der Arbeits- und Organisationsprozesse an. Doch wer das neue Planungstool einsetzen will, muss seine Komfortzone verlassen.

Neue Regeln, altes Spiel

Building Information Modeling ist für die Bau- und Immobilienbranche eine digitale Planungsmethode, die großen Mehrwert bietet. Sie verändert die Planungs- und Arbeitsprozesse deutlich. Doch ein kompletter Wandel findet nicht unbedingt statt. Die Abläufe als solche bleiben in einigen Bereichen gleich: Die einzelnen Planer sind nach wie vor für die Inhalte ihrer Planung verantwortlich. Es gehört außerdem weiter zur führenden Aufgabe des Objektplaners, andere Fachplaner zu koordinieren.

Auch Leistungsphasen bleiben erhalten und es gilt immer noch die Zwischenschritte dieser Leistungsphasen zu berücksichtigen. BIM entbindet zudem niemandem von seiner Gewährleistungspflicht: Der Elektriker ist weiterhin für sein Gewerk verantwortlich und der Tragwerkplaner muss dafür sorgen, dass das Gebäudetragwerk sicher ist.

Die Neuerungen betreffen vielmehr die Art und Weise, wie die Beteiligten zusammenarbeiten und kooperieren. Mit BIM sind alle Gewerke von der ersten Planungsphase an eingebunden, können sich über ein zentrales System austauschen und den Planungsfortschritt in Echtzeit verfolgen. Die Prozesse und Verantwortlichkeiten sind dadurch für alle transparent und nachvollziehbar, was zur wirtschaftlicheren und effizienteren Realisierung des Bauvorhabens beiträgt.

Autor

Peter Liebsch: Leiter Digitale Prozesse und Werkzeuge bei Drees & Sommer SE

Der Beitrag ist auch in Ausgabe 4.2020 der Fachzeitschrift TI – Technische Isolierung (November 2020) erschienen.
zuletzt editiert am 15.09.2021