Ob ein Glas halb voll oder halb leer erscheint, entscheidet letztlich nicht die Füllhöhe, sondern der eigene Blickwinkel. Und wie in vielen anderen Fällen auch, entscheidet genau dieser Blickwinkel, wie wir als Branche der technischen Isolierung und des WKSB-Handwerks auf die aktuellen Herausforderungen reagieren.
Natürlich kann man sich widrigen Umständen ergeben, sich treiben lassen und die Verantwortung außerhalb suchen. Doch genauso gut kann man den Fokus auf das richten, was Potenzial besitzt: auf das, was gut funktioniert, auf das, was wir aktiv beeinflussen können, und auf das, was unsere Branche in ihrem Kern ausmacht – Menschen, Kompetenz und Haltung.
In der Diskussion über Marktmechanismen wird häufig vom USP, dem Alleinstellungsmerkmal, gesprochen. Paradoxerweise wird dabei der größte Vorteil, den das Handwerk besitzt, oft übersehen: die Menschen selbst. Geschäfte entstehen nicht zwischen Produkten, sondern zwischen Personen. Vertrauen, Fachkenntnis, Verlässlichkeit und echte Beratung sind die entscheidenden Faktoren, auf denen Kundenbeziehungen entstehen und wachsen. Gerade im WKSB-Gewerk, das für viele Außenstehende ein „unsichtbares“ oder zumindest wenig beachtetes Tätigkeitsfeld ist, braucht es diesen direkten Austausch, um Verständnis für den Mehrwert technischer Isolierung zu schaffen.
Denn: Die großen Themen der Branche – Energieeffizienz, Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Brandschutz – sind gesellschaftlich präsent und werden in politischen Diskussionen breit geführt. Dennoch ist die Verbindung dieser Anforderungen mit unserer Branche längst nicht bei allen Entscheidern und Zielgruppen angekommen. Es mangelt an Wissen, an fachlicher Kompetenz in angrenzenden Gewerken und vor allem an aktiver Aufklärungsarbeit. Die Folge ist, dass die Isolierbranche wertvolle Marktanteile verliert, weil Aufträge an Gewerke abgegeben werden, die diese Kompetenz eigentlich nicht besitzen. Wichtige Mehrwertpotenziale bleiben so liegen und gehen verloren.
Hinzu kommen strukturelle Herausforderungen, die in vielen Betrieben spürbar sind: sinkende Fachkompetenz, mangelnde Zuverlässigkeit, Verantwortungsdiffusion und eine zunehmende Kultur des Problem-Beschreibens statt des Problem-Lösens. Als einzelnes Unternehmen gegen diese Entwicklungen anzukämpfen, ist kräftezehrend und oft frustrierend. Wer seine Arbeit lediglich durch die Brille des Preiskampfes betrachtet, hat langfristig bereits verloren.
Kooperationen können einen entscheidenden Unterschied machen. Gemeinsam lassen sich Probleme leichter bewältigen, Kompetenzen bündeln, Prozesse stabilisieren und Zuverlässigkeit erhöhen. Das Vertrauen der Kunden lässt sich im Verbund schneller und nachhaltiger zurückgewinnen. Nur wer bereit ist, Marktvolumen durch Qualität, Aufklärung und Zusammenarbeit zu erweitern, wird gestärkt aus dieser Phase hervorgehen. Wer Synergien nutzt, gewinnt. Wer im eigenen Silodenken verharrt, verliert.
Marktwachstum insgesamt entsteht nur, wenn alle Beteiligten Verantwortung übernehmen – Hersteller, Handel, Verarbeiter und Verbände. Es braucht ein gemeinsames Verständnis davon, was das Gewerk leistet, wie essenziell es für Energieeffizienz und Klimaschutz ist und welchen wirtschaftlichen Wert hochwertige technische Isolierung tatsächlich hat. Krisen lassen sich nicht allein durch operative Hektik überwinden. Sie verlangen Zeit, Ressourcen, Mut und den Willen, eingefahrene Wege zu verlassen.
Unser Gewerk besitzt enormes Potenzial: Es ist vielfältig, technisch anspruchsvoll, gesellschaftlich relevant und wirtschaftlich unverzichtbar. Doch dieses Potenzial lässt sich nicht als Einzelkämpfer heben. Es entfaltet sich dann, wenn starke Partner zusammenarbeiten, Kompetenzen teilen und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Denn am Ende gilt: Krisen beginnen im Kopf – aber Lösungen auch. Das Wir gewinnt.